{"id":3099,"date":"2020-01-22T12:04:14","date_gmt":"2020-01-22T11:04:14","guid":{"rendered":"https:\/\/suma-ev.de\/?p=3099"},"modified":"2020-01-23T11:27:04","modified_gmt":"2020-01-23T10:27:04","slug":"warum-wir-manchmal-ungehorsam-sein-duerfen-muessen-gedanken-zur-privatsphaere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/warum-wir-manchmal-ungehorsam-sein-duerfen-muessen-gedanken-zur-privatsphaere\/","title":{"rendered":"Warum wir manchmal ungehorsam sein d\u00fcrfen m\u00fcssen &#8211; Gedanken zur Privatsph\u00e4re"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum wir manchmal ungehorsam sein d\u00fcrfen m\u00fcssen &#8211; Gedanken zur Privatsph\u00e4re<\/h2>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gesellschaft braucht Regeln<\/h4>\n\n\n\n<p>Jeder geht mal bei Rot \u00fcber die Ampel. Regelbr\u00fcche\nbegleiten unseren Alltag, werden versch\u00e4mt oder offen, aus Zeitnot oder\nBequemlichkeit, aus Uneinsichtigkeit und Gleichg\u00fcltigkeit begangen. Aber das\nschlechte Gewissen folgt oft auf dem Fu\u00df, und das zu recht. Unsere Moral\nbasiert auf dem Gedanken der Gerechtigkeit: wer sich nicht an die Regeln h\u00e4lt, erschummelt\nsich durch seine defizit\u00e4re moralische Beschaffenheit Vorteile, etwa wenn man\nsich in einer Schlange an der Kasse vordr\u00e4ngelt. Der Tugendw\u00e4chter in uns allen\nsagt: Wenn es normal w\u00fcrde, die Regeln zu ignorieren, w\u00e4re der existenzielle\nSinn der Regeln zerst\u00f6rt. Und die Ordnung \u00fcberhaupt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn das jeder t\u00e4te\u201c. Diese Alltagsinterpretation\nder Kantschen Maxime aus \u201eKritik der praktischen Vernunft\u201c ist ein Grundsatz\nmoralischer Praxis einer Gesellschaft. Das Individuum hat die Pflicht, sich an\nder Gesellschaftsmoral aktiv zu beteiligen. \u201eDas Unertr\u00e4gliche am Verbrechen\nund das Notwendige an der Bestrafung zu erkennen ist Sache des\nGesellschaftsk\u00f6rpers im Ganzen\u201c, sagt Focault. Das Fundament des Systems von\nRegelanpassung und Strafe ist dabei nicht mehr die blo\u00dfe Herrschaftsh\u00f6rigkeit\noder Gottesfurcht, sondern die Idee eines funktionierenden\nGesellschaftsk\u00f6rpers. Wenn es der Gesellschaft gut geht, geht es allen gut, so\ndas pragmatische &#8211; und dennoch idealistische &#8211; Credo des modernen Staates.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Regeln m\u00fcssen absolut sein&#8230; und flexibel<\/h4>\n\n\n\n<p>Nur eine von Normen gepr\u00e4gten Gesellschaft\nbietet ein Fundament an Sicherheit und Ordnung. Daher umgibt uns ein dichtes\nRegelwerk, egal ob wir uns im Stra\u00dfenverkehr bewegen, in einem\ngesellschaftlichen Rahmen unter Menschen sind oder ob wir uns durch das\nInternet navigieren. Wir wissen in der Regel sehr genau um den Wert sozialer\nund rechtlicher Normen und Vorschriften. Wo nicht so genau hingesehen wird,\nzeigt sich jedoch immer auch die moralische Schw\u00e4che des Menschen, der oft\ngenug an seinen Anspr\u00fcchen scheitert, der seine moralische \u00dcberzeugung durch Bequemlichkeit\nund Faulheit zu gerne mit einer Beschwichtigung beiseite legt: \u201eEs tut ja nicht\njeder. Also darf ich. Nur dieses eine Mal.\u201c Diese Schw\u00e4che hat auch einen\nwertvollen Vorteil: Durch die kleinen allt\u00e4glichen Regelverletzungen erf\u00e4hrt\ndie Norm einen Legitimierungsdruck. Ich missachte sie, weil ich sie sehr genau kenne\nund prinzipiell achte. Aber in dieser einen Situation entscheide ich mich\ndaf\u00fcr, sie zu ignorieren. Der Regelbruch ist insofern nicht nur normal und\nmenschlich (wenn auch bisweilen unversch\u00e4mt), sondern bringt uns stetig dazu,\nuns mit der Regel auseinanderzusetzen. Und das ist wichtig. Denn: Sobald wir\nRegeln nicht mehr in ihrer Relativit\u00e4t wahrnehmen, verlieren sie an Wert. Ihre\nBefolgung ist dann zu einem Akt reinen Gehorsams geworden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vom Wert des Ungehorsams<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Doch dies ist nicht der einzige Grund, warum\nRegelbr\u00fcche f\u00fcr eine Gesellschaft prinzipiell wichtig sind. Auch f\u00fcr das\nIndividuum selbst ist eine nachsichtige Regelbruchpolitik entscheidend. Nur,\nwenn ich ab und an Regeln in Frage stelle, erfahre ich mich als Individuum, das\neine Wahl hat. Und nur, wer sich ab und zu r\u00fcckversichert, dass er ein\nw\u00e4hlendes Subjekt ist, kann auf dieser Grundlage aus voller \u00dcberzeugung\nmoralisch handeln. Es ist wichtig, dass wir uns eine Innenseite der Psyche\nbewahren d\u00fcrfen, nur so bleiben wir seelisch auf Dauer gesund. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Gesellschaftsk\u00f6rper braucht diese unbewachten R\u00fcckzugsr\u00e4ume ebenfalls. Auf der soziologischen Ebene hei\u00dft das: sich im Verborgenen abspielende subkulturelle Entwicklungen m\u00f6gen potentiell sch\u00e4dliche Elemente enthalten und als subversive Kraft die Ordnung zuweilen in Frage stellen, sind aber aus der N\u00e4he betrachtet durchaus gesellschaftlich relevant. Regelbrecher spielen mit Grenzen und\/oder \u00fcbertreten jene, und manchmal wird dieser Ungehorsam zur Avantgarde. Das gilt f\u00fcr soziale Bewegungen (den Punk, die 68er) genauso wie f\u00fcr \u00e4sthetische Ausdrucksformen. Am Rock\u00b4n Roll und dem Generationenkonflikt w\u00e4chst eine Gesellschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Bruch mit der Konvention Voraussetzung f\u00fcr Innovation ist, hat sich \u00fcbrigens bis ins Management herumgesprochen. Subversion und die Kunst des Regelbruchs gilt auch dort inzwischen als Voraussetzung f\u00fcr Inspiration. Nicht jeder Regelbruch hat diesen subversiven Charakter, manch einer ist lediglich Ausdruck von sozialer Unreife. Dennoch: werden wir rund um die Uhr bewacht, so dass f\u00fcr die Verletzung sozialer Regeln, \u00dcbereink\u00fcnfte und kleinerer Ordnungswidrigkeiten kein Raum mehr existiert (den man meist eh nicht nutzt), verkr\u00fcppelt nicht nur die Individualit\u00e4t des Einzelnen, sondern stirbt auch ein gro\u00dfer Teil der Entwicklungsf\u00e4higkeit der Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der supermoralische W\u00e4chter<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Nicht jeder nimmt die kleinen allt\u00e4glichen Gesetzes\u00fcberschreitungen mit Gelassenheit. Es gibt einen Menschentypus, der jede Regung von Unrecht so sehr hasst, dass er auf Regelbr\u00fcche lauert und die geringste \u00dcbertretung an die Ordnungsbeh\u00f6rde meldet. Dieser Mensch ist mit der Faust in der Tasche unterwegs. Selbst v\u00f6llig perfekt (aus seiner Sicht), fordert er dieselbe moralische Perfektion von anderen. Der Typ Blockwart f\u00fchlt sich als verzweifelter Vertreter einer vergessenen Moral, selbst wenn er unsinnige, veraltete oder in dem Moment unpassende oder unmenschliche und sch\u00e4dliche Regeln verficht. Er fordert absolute Prinzipientreue, egal wie absurd diese in einer bestimmten Situation auch sein mag. Bei Verst\u00f6\u00dfen agiert er mit gnadenloser H\u00e4rte. <\/p>\n\n\n\n<p>Was der strenge, an der Verlotterung der Gesellschaft leidende Moralist nicht wei\u00df: Ohne Regelbr\u00fcche h\u00e4tte sich die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, aus der heraus er &nbsp;agiert, mit all ihren Errungenschaften nicht entwickeln k\u00f6nnen. Die Prinzipienreiterei eines moralischen W\u00e4chters gab es schon immer, dieses strenge Reglement des Geistes l\u00e4sst in vielen, wenn nicht in den allen Menschen aktivieren. In der Literatur wird dieser Menschentyp gerne besprochen. Sehr lebendig wird die Figur des Kleingeistes, der gegen jede Vernunft und in v\u00f6llig \u00fcbertriebener Weise Ordnung einfordert, in Kleists Michael Kohlhaas dargestellt: \u201e\u201eEs soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!\u201c, ruft Kohlhaas, und dieses Gef\u00fchl der Wut und Ohnmacht, wenn sich ein Regelbrecher auf unversch\u00e4mte Weise Vorteile verschafft, kennt sicher jeder. Auch den Wunsch, den r\u00fccksichtslosen Fahrradfahrer auf dem Fu\u00dfweg zu betrafen. Neu ist, dass mit der Vielfalt der \u00dcberwachungsm\u00f6glichkeiten der Staat tats\u00e4chlich zum strafenden Blockwart werden kann. <\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Privatsph\u00e4re\nin Gefahr<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Die Blockwartisierung der Gesellschaft schreitet mit dem Grad, mit dem \u00dcberwachungstechnologie in jede private Nische gelangen kann, voran. Wo (wie in China) jeder Regelbruch, sei er noch so trivial und bedeutungslos, sei er noch so menschlich und verbreitet, in die \u00d6ffentlichkeit gegeben wird und gegebenenfalls in Diffamierung endet, wird zwar ein enormer Anpassungsdruck aufgebaut. Dadurch wird wom\u00f6glich die Rate an Verst\u00f6\u00dfen gegen Verordnungen rapide gesenkt, doch der Preis ist hoch, denn die Ungeduld mit den wenigen Unangepassten wird in einem System p\u00fcnktlich gezahlter Rechnungen und perfekt praktizierter M\u00fclltrennung immer gr\u00f6\u00dfer. Durch die Offenlegung eigener Schw\u00e4chen entsteht bei den vielen Menschen nicht etwa Toleranz f\u00fcr Regelbr\u00fcche und die Schw\u00e4chen anderer, f\u00fcr abnormales Verhalten und Diversit\u00e4t insgesamt (das w\u00e4re ja sch\u00f6n), sondern meist nur Angst vor Entdeckung der eigenen Andersartigkeit und Unvollkommenheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Das psychologische Moment ist altbekannt: Wer sich ein unangepasstes, nicht regelkonformes, unbeliebtes Verhalten nicht verkneifen kann, der wird es so gut wie m\u00f6glich hinter einer Fassade von Wohlandst\u00e4ndigkeit und Spie\u00dfigkeit verstecken und immer aufw\u00e4ndigere Versteckspiele betreiben. Fliegt der Regelbrecher auf, wird er wom\u00f6glich mit Vehemenz all jene Regelbrecher verurteilen, die mit ihrem Regelbruch durchgekommen sind oder sich der Norm selbstbewusst verweigern. Der z\u00e4hneknirschend Normierte, der sich von vorneherein das unangepasste Verhalten verbietet, ist erst recht w\u00fctend auf alle, die sich ein abweichendes Verhalten erlauben. Die Intoleranz des \u00fcberangepassten Neurotikers ist viel wahrscheinlicher die Folge aus dieser Form der erzwungenen Transparenz als Toleranz. Kurz gesagt liegt folgende Vermutung nahe: je strenger die Regeln und je transparenter der B\u00fcrger, desto mehr Menschen laufen mit der Faust in der Tasche durchs Leben. Was die Gesellschaft im \u00fcbrigen keineswegs sicherer werden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Blockwartisierung unserer Gesellschaft <\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Der Einsatz von \u00dcberwachungstechnologie wird ausgeweitet und betrifft uns alle. Noch ist es so, dass sich der zunehmende Privatsph\u00e4renverlust leicht verdr\u00e4ngen l\u00e4sst. Die \u00dcberwachung des \u00f6ffentlichen Raums ist zumeist diskret und zumindest theoretisch vermeidbar, gleiches gilt f\u00fcr die \u00dcberwachung des Verhaltens im Internet. Wenn ich nach \u201eFinanzamt austricksen\u201c suche (nur so als Beispiel), hat dies (noch) keine direkten Konsequenzen. Doch wenn solche Aktionen von Ungehorsam durch den Einsatz von \u00dcberwachungstechnologie irgendwann v\u00f6llig ausgeschlossen sein sollten, wenn zudem Videokameras jeden Schritt bewachen, wenn Ampeln durch integrierte Gesichtserkennung zu Gehilfen der Blockwartmoral werden, dann betrifft uns das alle und ver\u00e4ndert unsere Pers\u00f6nlichkeit und Gesellschaft radikal und unausweichlich. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Preis einer \u00fcbers Ziel hinausschie\u00dfenden Nutzung von \u00dcberwachungsinstrumenten (wie der Einsatz von Gesichtserkennungssoftware und KI-basierter Polizeiarbeit im Rahmen von Predicitve Policing \u2013 vorhersagende Polizeiarbeit) ist hoch: Der Normbegriff wird immer enger gefasst, je angepasster und duckm\u00e4userischer sich die Masse verh\u00e4lt. Und die Instrumente des \u00dcberwachungsstaates passen sich dem Normierungsdruck immer weiter an. Schlie\u00dflich diffundiert die eng gefasste Norm in alle Bereiche: in die Vorstellung von Schule und Erziehung, in die Entwicklung von Kunst und Wissenschaft, in unsere zwischenmenschliche Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Made in China \u2013 aber eben nicht nur<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Man kann der chinesischen \u00dcberwachungsdiktatur direkt dankbar sein: Durch die Hervorbringung eines durch und durch unsympathischen Systems wird vielen Menschen vor Augen gef\u00fchrt, welch dystopisches Potential in \u00dcberwachungsl\u00f6sungen steckt. Als Dystopie empfinden den \u00dcberwachungsstaat jedoch durchaus nicht alle Menschen. Viele Menschen w\u00fcnschen sich auch hierzulande ein \u00dcberwachungs- und Sanktionssystem chinesischen Zuschnitts. Vor allem die Profiteure des Anpassungssystems setzen sich f\u00fcr die Abstrafung aller Unangepassten ein. Warum nicht weniger f\u00fcr eine Krankenversicherung bezahlen, wenn man doch gesund lebt, im Gegensatz zu anderen, die rauchen, keinen Sport treiben und zu viel Zucker konsumieren? Dass dieses Belohnungssystem schnell auch zum Ausschlie\u00dfungssystem und sogar Diskrimierungsinstrument werden kann, verdr\u00e4ngen sie, bis es sie vielleicht selbst betrifft, etwa weil sie im &#8222;falschen&#8220; Stadtteil leben oder andere Merkmale besitzen, die sie von der Belohnung ausschlie\u00dfen (oder von dem Dienst \u00fcberhaupt). <\/p>\n\n\n\n<p>Gegen die \u00dcberwachungstr\u00e4ume polizeilicher\nBeh\u00f6rden gibt es hierzulande gl\u00fccklicherweise erbitterten Widerstand. Der\nWiderstand ist wichtig. Dennoch greift diese Sicht auf den b\u00f6sen Staat zu kurz:\nDas Bed\u00fcrfnis nach einem paternalistisch agierenden strafenden und belohnenden\nStaat ist in vielen Menschen tief verankert. Es ist der Mensch selbst, der einen\nVerlust der Privatsph\u00e4re in Kauf nimmt, um die Anpassung seiner Mitmenschen\ndurchzusetzen, deren Ausscheren aus dem Gef\u00fcge er nicht ertr\u00e4gt. \u201eSocial\nScoring\u201c ist insofern immer auch der technologische Ausdruck einer\nnormierungswilligen, nach Halt suchenden Gesellschaft. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum wir manchmal ungehorsam sein d\u00fcrfen m\u00fcssen &#8211; Gedanken zur Privatsph\u00e4re Gesellschaft braucht Regeln Jeder geht mal bei Rot \u00fcber die Ampel. 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