{"id":540,"date":"2008-10-09T07:25:39","date_gmt":"2008-10-09T06:25:39","guid":{"rendered":"https:\/\/beta.suma-ev.de\/?p=540"},"modified":"2020-01-27T09:59:07","modified_gmt":"2020-01-27T08:59:07","slug":"wer-informiert-die-informationsgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wer-informiert-die-informationsgesellschaft\/","title":{"rendered":"Wer informiert die Informationsgesellschaft?"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Wer informiert die Informationsgesellschaft?<\/h2>\n\n\n<p>Die Quellen, aus denen das Wissen der Informationsgesellschaft flie\u00dft, haben sich radikal verschoben. Mit der Erfindung des Buchdrucks im 15-ten Jahrhundert flo\u00df der gr\u00f6\u00dfte Teil der Wissensstr\u00f6me jahrhundertelang aus den Buchstaben des bedruckten Papiers in die K\u00f6pfe und auch in die Herzen. In nur einer einzigen Dekade &#8211; dem vergangenen Jahrzehnt &#8211; hat sich dies auf eine Art und Weise und mit einem Tempo radikal ver\u00e4ndert, wie es die gesamte Geschichte der Menschheit noch nicht erlebt hat.<\/p>\n<p>Vor einem Jahrzehnt war diese Entwicklung abzusehen, doch damals wollte sie kaum jemand sehen, denn diese Einsicht war st\u00f6rend. Solange der Umsatz von Print-Medien Selbstl\u00e4ufer war, entfiel die Motivation, neue Medien wahrzunehmen. Solange die Musikindustrie mit dem Verkauf von Tontr\u00e4gern wie Schallplatten oder CDs gut verdiente, bestand keine Notwendigkeit einer Adaptierung neuer musikalischer Flie\u00dfkan\u00e4le. Auch f\u00fcr wirtschaftliche Ver\u00e4nderungsprozesse gilt etwas, das in der Physik als \u201eMassentr\u00e4gheitsgesetz\u201c wohlbekannt ist: nur wenn \u00e4u\u00dfere Ereignisse die Alternative stellen \u201euntergehen oder ver\u00e4ndern\u201c, geschehen Ver\u00e4nderungen, und das auch nicht immer &#8211; manches wird untergehen. Die letzte Branche, die gerade vor einem Umbruch steht, ist die der bewegten Bilder; auch sie wird der Sturm dieser technischen Revolution zu neuen Ufern treiben oder manches wird untergehen.<\/p>\n<p>Die Ursachen der Entwicklung sind technischer Art: die Digitalisierung und deren Vernetzung durch das Internet. Mittlerweile zwingt die Eigendynamik dieses digitalen Vernetzungsprozesse Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zum Umdenken, zum Mitwachsen, zur Adaptierung.<\/p>\n<p>Die H\u00fcter der Buchstaben des bedruckten Papiers und dessen Vorl\u00e4ufer waren f\u00fcr  Jahrtausende die Bibliotheken. Sie waren damit auch die \u201eH\u00fcter des Wissens\u201c. Mit dem Untergang der Bibliothek von Alexandria ging ein Teil des Wissens der antiken Welt verloren. In der heutigen Situation ist die Lage anders: die Buchstaben fliessen nicht mehr allein ins Papier, sondern in die vernetzte Digitalwelt, ebenso wie die Bits und Bytes aus anderen Medien. Das \u201eH\u00fcten und Verbreiten bedruckten Papiers\u201c verliert seine Bedeutung als Kernaufgabe von Bibliotheken. Nur diejenigen, welche es verstehen, die neue Digital- und die alte Papierwelt symbiotisch zusammenzuf\u00fchren, \u00fcberleben. Parallel entstehen in der vernetzten Digitalwelt auch v\u00f6llig neue Formen des Wirtschaftens und Kommunizierens.<\/p>\n<p>Bis hierher ist der Prozess der radikalen Umstrukturierung der Wissens- und Informationsquellen nur sehr grob beschrieben, aus weiter Ferne betrachtet. Eine genauere Beschreibung erfordert, genauer hinzusehen, an welchen Orten der vernetzten Digitalwelt die Quellen des Wissens liegen und wie die Informationsstr\u00f6me fliessen. Hierzu m\u00fcssen wir das Bild von den Quellen und Str\u00f6men verfeinern und erweitern.<\/p>\n<p>Der Medienk\u00fcnstler Bernd Hopfeng\u00e4rtner hat das Bild der Informationsquellen und Str\u00f6me in ein dreidimensionales Landschaftsbild \u201eNirgendwo\u201c umgesetzt, welches Fl\u00fcsse und T\u00e4ler als Folge realer Informationsstr\u00f6me zeigt: \u201eNOWHERE ist eine sich in der Entstehung befindende Landschaft. Die Nutzer der  Suchmaschinen erodieren mit ihren Suchbewegungen Fl\u00fcsse, Schluchten und T\u00e4ler. Suchanfragen, die nur f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde duch das Internet schie\u00dfen und eine Response auf den Bildschirmen der Suchenden generieren werden mit Hilfe einer dreidimensionalen Fr\u00e4sapparatur in ein Material geschrieben.\u201c Medienkunst reflektiert den radikalen Umbruch in der Informationsgesellschaft. Und sie macht ihn greifbar, sichtbar, anfassbar. Gleichzeitig nutzt die Medienkunst das Medium zur Pr\u00e4sentation ihrer Werke: siehe: <a href=\"\/en\/www.no-surprises.de\/\">www.no-surprises.de<\/a><\/p>\n<p>Im verfeinerten Bild sind Informations-Quellen die \u00fcber das Internet verbundenen Computer, auf denen digitales Wissen in Form von Bits und Bytes abflie\u00dfbar gespeichert ist. Informations-Str\u00f6me sind dann die Wege, auf denen diese Bits und Bytes zu anderen Computern des Netzes und den dahinter sitzenden Menschen fliessen. Zu den Quellen und Str\u00f6men kommt nun jedoch ein weiteres Element hinzu, welches von vorherein in der Entwicklung nicht absehbar war, und welches auch nicht zwangl\u00e4ufig notwendig w\u00e4re, welches sich aber als hochpragmatisch und damit unverzichtbar erwiesen hat. Denn die Anzahl der Informationsquellen der vernetzten Digitalwelt hat ein Ausma\u00df erreicht, dass zuvor unvorstellbar war: die Anzahl der Computer mit gespeichertem digitalen Wissen, der \u201eServer\u201c (\u201eDienstleister\u201c), liegt im Bereich oberhalb hundert Millionen. Kein Mensch w\u00e4re auf seiner Informationssuche in der Lage, in seinem begrenzten Leben hiervon auch nur einen Bruchteil zu durchsuchen.<\/p>\n<p>Darum ben\u00f6tigt die vernetzte Digitalwelt ein Steuerungselement f\u00fcr den Fluss der Wissensstr\u00f6me: den Informations-\u201cLenker\u201c, den \u201egro\u00dfen Steuermann\u201c, der daf\u00fcr zust\u00e4ndig ist, dass das Wissen zu demjenigen fliesst, der es haben will, und der ohne den Lenker kaum eine Chance hat, die richtige Quelle zu finden.<\/p>\n<p>Diese<br>\nLenkungsfunktion haben Elemente \u00fcbernommen, die in der<br>\nKonzeptionsphase des weltumspannenden Netztes noch gar nicht<br>\nvorgesehen waren &#8211; man nennt sie heutzutage \u201eSuchmaschinen\u201c. Ihre<br>\nAufgabe ist es, Fragestellungen nach Information in die \u201erichtigen\u201c<br>\nKan\u00e4le zu lenken. Ohne diese Lenkungsfunktion w\u00e4re der<br>\nFragesteller hilflos. Sein Dilemma liegt nun jedoch darin, dass \u201eder<br>\nLenker\u201c entscheidet, was \u201erichtig\u201c ist &#8211; und damit auch, was<br>\n\u201efalsch\u201c ist, welche Information der  Fragesteller NICHT<br>\nzu sehen bekommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man<br>\nmag nun einwenden, dass dies nichts Neues sei, dass wir die<br>\nAuswahlfunktion dessen, was \u201erichtig\u201c und \u201efalsch\u201c ist, in<br>\nder \u00c4ra des bedruckten Papiers auch hatten: derjenige, der den<br>\nDruckauftrag erteilte &#8211; die Zeitung, der Verlag &#8211; entschied bisher<br>\ndar\u00fcber. Auch hier haben wir einen Bewertungs- und<br>\nSelektionsproze\u00df. Er funktionierte deswegen, weil wir sehr<br>\nviele \u201eDruckauftraggeber\u201c hatten: Meinungsvielfalt in einer<br>\npluralistischen Gesellschaft. Und <i>genau das<\/i> ist in der<br>\nvernetzten Digitalwelt verloren gegangen, denn die Lenkungsfunktion<br>\nhaben einige wenige globale Konzerne \u00fcbernommen &#8211; eigentlich<br>\ngibt es de facto nur noch einen \u201egro\u00dfen Steuermann der<br>\nInformationsfl\u00fcsse\u201c, das ist die Aktiengesellschaft mit dem<br>\nNamen \u201eGoogle\u201c mit einem Marktanteil von mehr als 90% in<br>\nDeutschland.<\/p>\n<p>Damit<br>\neine solche Meinungsmacht in Deutschland eigentlich(!) gar nicht erst<br>\nentstehen kann, haben wir gesetzliche Regelungen, und sogar eine<br>\nEinrichtung mit dem Namen &#8222;Kommission zur Ermittlung der<br>\nKonzentration im Medienbereich(kurz: KEK)\u201c. Unser Regelwerk<br>\nbestimmt, dass bei einem Marktanteil zwischen 25% und 30% eine<br>\nmarkbeherrschende Stellung vorliegt, und dass dann f\u00fcr die<br>\nbetreffende Firma besondere Regelungen gelten. Nun w\u00fcrde jeder<br>\nvern\u00fcnftig denkende Mensch annehmen, dass bei einem Marktanteil<br>\noberhalb 90% diese Regelungen auch f\u00fcr eine Meinungsmacht in der<br>\nvernetzen Digitalwelt gelten. Umso erstaunlicher ist es, dass dies<br>\nnicht der Fall ist, denn als die gesetzlichen Grundlagen gegen das<br>\nEntstehen von Meinungsmacht in Deutschland formuliert wurden, waren<br>\nSzenarien wie die heutige Digitalwelt unvorstellbar. Die damals<br>\nformulierten Gesetzestexte gelten nur f\u00fcr die konventionellen<br>\nMedien! Hier herrscht also immer noch \u201erechtsfreier Raum\u201c.<\/p>\n<p>Warum<br>\nerweitert nun der Gesetzgeber den genannten Ansatz zur Verhinderung<br>\nvon Meinungsmacht nicht einfach in diesen digitalen Raum? Dies hat<br>\nzwei Ursachen. Erstens ist f\u00fcr die Politik, genauso wie f\u00fcr<br>\ndie Wirtschaft, dieser Raum ein v\u00f6llig neuer, der zun\u00e4chst<br>\neinfach nur \u201est\u00f6rend\u201c in eingefahrenen Gleisen ist. Als die<br>\nvernetzte Digitalwelt un\u00fcbersehbar wurde, als zwingender<br>\nHandlungsbedarf im zun\u00e4chst nahezu v\u00f6llig rechtfrei<br>\nerscheinenden Raum sichtbar wurde, k\u00fcmmerte sich der Gesetzgeber<br>\num allerhand andere Aspekte. Hier kamen Geburten &#8211; ich vermeide<br>\ngerade eben noch das naheliegende Wort \u201eMissgeburten\u201c &#8211; wie das<br>\nTelemediengesetz, der Jugendschutz, oder die aktuelle Diskussion um<br>\ndie heimlichen Online-Durchsuchungen privater Computer auf die<br>\nvorderen Pl\u00e4tze. Da die technische Materie auch f\u00fcr den<br>\nGesetzgeber v\u00f6llig neu war und ist, sind die politischen<br>\nEntscheidungstr\u00e4ger der Expertise (oder dem Un-Wissen) ihrer<br>\nBerater auf Gedeih und Verderb ausgeliefert &#8211; ganz anders, als wenn<br>\nes Gesetze zur Verkehrsregelung oder gegen das Rauchen in Gastst\u00e4tten<br>\nzu machen gilt.<\/p>\n<p>Der<br>\nzweite Grund, warum der Gesetzgeber den genannten Ansatz zur<br>\nVerhinderung von Meinungsmacht nicht einfach in den digital<br>\nvernetzten Raum erweitert, liegt darin, dass dieses Problem bisher<br>\nkaum als Problem wahrgenommen wird.  \u201eInformationssuche\u201c heisst<br>\n\u201egoogeln\u201c, und warum dar\u00fcber nachdenken? So sind wir in die<br>\nvernetzte Digitalwelt hineingewachsen und das ist einfach so. Die<br>\nZeit, in der es auch im digitalen Raum noch Vielfalt unter den<br>\n\u201eInformationsstrom-Lenkern\u201c gab, liegt f\u00fcr die meisten<br>\nNutzer der Digitalwelt vor ihrer \u201edigitalen Geburt\u201c.<\/p>\n<p>Die<br>\nFrage der \u00dcberschrift dieses Aufsatzes heisst \u201eWer informiert<br>\ndie Informationsgesellschaft?\u201c. Die Antwort ist einfach: eine<br>\namerikanische Aktiengesellschaft hat diese Aufgabe \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Diese<br>\nAktiengesellschaft hat die Aufgabe nicht \u201ekraft souver\u00e4ner<br>\nWillk\u00fcr\u201c irgendeines Staates oder einer Institution<br>\n\u00fcbernommen, es \u201ehat sich so ergeben\u201c,  die Marktwirschaft<br>\nhat es geregelt. Da heutzutage fast alles, was die Marktwirschaft von<br>\nselber regelt, angeblich nur gut sein kann, kann auch diese<br>\n\u201eRegelung\u201c (eine amerikanische Aktiengesellschaft informiert die<br>\nInformationsgesellschaft) offenbar in den meisten K\u00f6pfen nicht<br>\nals \u201eschlecht\u201c angenommen werden.<\/p>\n<p>Trotzdem<br>\nmuss die Frage bleiben: wollen wir das wirklich? Stehen wir wiederum<br>\nan einer Stelle, wo Einsicht st\u00f6rend ist? Wollen wir diese<br>\ngeb\u00fcndelte globale Macht in die Hand einer einzigen Firma<br>\n\u00fcbertragen? Diese Firma mag derzeit ihre Aufgabe so gut, so<br>\nverantwortungsvoll wie nur denkbar erf\u00fcllen. Aber stellen wir<br>\nuns doch nur mal vor, dass ihre Interessen anders gesteuert werden.<br>\nWahrscheinlich st\u00f6rt diese Vorstellung und alles, was daraus<br>\nresultiert.<\/p>\n<p>Wolfgang Sander-Beuermann<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer informiert die Informationsgesellschaft? Die Quellen, aus denen das Wissen der Informationsgesellschaft flie\u00dft, haben sich radikal verschoben. Mit der Erfindung des Buchdrucks im 15-ten&#8230;<\/p>","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[81],"tags":[90,88,82,84,35,89],"ppma_author":[243],"class_list":["post-540","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-monopole","tag-datenquellen","tag-datenstroeme","tag-informationsgesellschaft","tag-medienkunst","tag-suchmaschinen","tag-wissen"],"authors":[{"term_id":243,"user_id":5,"is_guest":0,"slug":"wsb","display_name":"wsb","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/42f23e742e86e9b424e80f46b7ae4c68463df2519db95ae183455583fa13b6cd?s=96&d=mm&r=g","0":null,"1":"","2":"","3":"","4":"","5":"","6":"","7":"","8":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/540","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=540"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/540\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3166,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/540\/revisions\/3166"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=540"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=540"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=540"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=540"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}