{"id":788,"date":"2013-05-22T11:16:36","date_gmt":"2013-05-22T10:16:36","guid":{"rendered":"https:\/\/beta.suma-ev.de\/?p=788"},"modified":"2019-10-30T11:08:25","modified_gmt":"2019-10-30T10:08:25","slug":"googlen-wir-uns-dumm-und-daemlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/googlen-wir-uns-dumm-und-daemlich\/","title":{"rendered":"Googlen wir uns dumm und d\u00e4mlich"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Googlen wir uns dumm und d\u00e4mlich<\/h2>\n\n\n<p>Dieser Essay von <b>Manuela Branz<\/b> ist ein Auszug aus dem SUMA-EV Newsletter vom 22.5.2013; Sie k\u00f6nnen den SUMA-EV Newsletter unter der folgenden Adresse abonnieren: <a href=\"https:\/\/suma-ev.de\/en\/kontakt\/suma-ev-newsletter-bestellen.html\/\">http:\/\/www.suma-ev.de\/kontakt\/suma-ev-newsletter-bestellen.html<\/a><br \/>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>Die digitale Welt wird durch Google radikal ver\u00e4ndert. Aber diese<br \/>Ver\u00e4nderung entwickelt sich schleichend. Die Geschichte der Medien zeigt,<br \/>dass jede Ver\u00e4nderung der medialen Welt gesellschaftlich begleitet worden ist, zwischen den Polen von Kulturpessimismus und Euphorie stattfindet, zwischen Verteufelung und kritikloser Hoffnung auf Erl\u00f6sung durch das Medium (Kino, Fernsehen). Die Entwicklung der Suchmaschinen von einer reinen Suchhilfe hin zu einer Art Marketingmaschine ist ebenfalls gesellschaftlich relevant, passiert aber schleichend, sukzessive. Eine kritische Haltung in der Gesellschaft hat sich deshalb bislang kaum manifestiert, allenfalls am Rande, wo sie kaum wahrgenommen wird. Weil die Entwicklung nicht kritisch begleitet wird, wird es immer schwieriger, die Macht Googles einzuschr\u00e4nken. Denn Google ist f\u00fcr viele aus dem Leben nicht mehr wegzudenken.<\/p>\n<p><b>Der Mensch will bet\u00fcdelt werden<\/b><\/p>\n<p>Woher kommt der Erfolg von Google? Wir leben in einer Zeit, die viele<br \/>M\u00f6glichkeiten offen h\u00e4lt. Das Internet hat unser Leben enorm bereichert,<br \/>Informationen sind leichter zug\u00e4nglich denn je. F\u00fcr jeden Musikgeschmack<br \/>gibt es Plattformen, jede Nische wird besetzt. F\u00fcr die Masse der Menschen<br \/>ist diese Vielfalt aber nicht erstrebenswert. Angesichts der Vielzahl von<br \/>M\u00f6glichkeiten entsteht bei vielen Menschen schnell das Gef\u00fchl der<br \/>\u00dcberforderung. Diesen Wunsch nach Einfachheit bedient Google, geht dar\u00fcber aber noch hinaus. Google bewegt sich auf seine Nutzer bereitwillig zu, f\u00fcttert sie mit Angeboten, Vorschl\u00e4gen und perfekt passenden<br \/>Suchergebnissen. Damit wird der Eindruck vermittelt, Google kenne seine<br \/>Nutzer, stehe auf ihrer Seite, trete mit ihnen in eine Art von Beziehung.<br \/>Je individueller Google auf seinen Nutzer eingeht, je besser die Werbung auf die aktuelle (Such-)situation zugeschnitten ist, je weiter Google also<br \/>letztlich in die Privatsph\u00e4re seines Nutzers eindringt, desto mehr f\u00fchlt<br \/>dieser sich in seiner Individualit\u00e4t gesehen und anerkannt. Aber mit<br \/>Individualit\u00e4t hat Google nat\u00fcrlich nichts im Sinne. Denn der freundliche<br \/>Bruder Google nimmt den Menschen mitnichten als individuellen Menschen wahr, sondern spiegelt ihn als Stereotypen. Wahrgenommen wird der Bereich des Menschen, der markt-, massen-, medienkompatibel ist. Und wie lange dauert es wohl, bis auch der Nutzer selbst sich zunehmend mit dieser Brille sieht?<\/p>\n<p><b>Der Mensch sucht<\/b><\/p>\n<p>Wir suchen laufend irgend etwas. Man k\u00f6nnte auch sagen: Ich suche, also bin ich. Man verr\u00e4t mit seiner Suche viel \u00fcber sich selbst, \u00fcber seine<br \/>Vorlieben, Sehns\u00fcchte, W\u00fcnsche. Mit der Suche zeigt man Flagge, nicht nur<br \/>im virtuellen Raum, sondern auch im realen Leben. Aber man offenbart nicht nur, wer man ist, sondern man ver\u00e4ndert sich auch durch die Suche<br \/>sukzessive, und zwar abh\u00e4ngig vom Suchergebnis. Jede Information setzt<br \/>einen kleinen Stein in unser Pers\u00f6nlichkeitsgeb\u00e4ude. Es liegt in der Natur<br \/>der Suchaktion, dass man bei der Suche immer auch auf Informationen st\u00f6\u00dft, die man gar nicht gesucht hat, man liest diese Informationen praktisch am Wegrand auf, rechts und links vom eigentlichen Suchweg. Aber auch diese zuf\u00e4llige Information wird in unser Geb\u00e4ude gesetzt, wo sie manchmal einiges durcheinander bringt, im g\u00fcnstigen Falle sogar Gewissheiten in Frage stellt.<\/p>\n<p>Durch die Ungenauigkeit in der Informationsbeschaffung kann sich also unser Horizont erweitern. Das ist bei der Alltagssuche der Fall, wenn man im B\u00fccherschrank ein bestimmtes Buch sucht, dabei \u00fcber ein anderes Buch<br \/>stolpert, das man ganz vergessen hatte. Erst recht bei der Musik, wenn man<br \/>im Auto einen bestimmten Sender im Radio sucht, bei der Suche aber zuf\u00e4llig auf ein unbekanntes Lied st\u00f6\u00dft, das einem gef\u00e4llt. Vielleicht merkt man sich den Interpreten und erschlie\u00dft sich ein neues musikalisches Feld. Aber auch bei der wissenschaftlichen Suche gilt dieses Prinzip: Man kann bei einer Suche praktisch am Wegrand Dinge entdecken, die einen fesseln und begeistern, Dinge, die man ohne die vergeblichen Suche nach einer anderen Sache nie entdeckt h\u00e4tte. Dieser &#8222;Suchausschuss\u201c mag trivial erscheinen, aber er ist wichtig, denn er erweitert unseren Horizont. Aber dieser &#8222;Suchausschuss\u201c entf\u00e4llt durch Google immer mehr. Durch die<br \/>individualisierte Suche wird man immer besser bedient, aber auch immer<br \/>weniger mit Unvorhersehbarem und Unbekanntem konfrontiert. Man bleibt in seiner Welt. Die immer kleiner wird.<\/p>\n<p><b>Verkleinerung der Welt<\/b><\/p>\n<p>Ein weiteres Ph\u00e4nomen verst\u00e4rkt diesen Prozess der Verkleinerung der Welt. Das Marktgeschehen unterliegt einem Mechanismus der Erfolgskonzentration, trivial umschrieben mit der Floskel, dass sich der Mensch am Erfolgreichen orientiert. Erfolg macht erfolgreich. Der Mensch mag sich selbst als &#8222;offene Person\u201c betrachten, die sich vielleicht sogar gerne &#8222;neu erfindet\u201c, immerzu das Neuste und Beste will, in seiner Produktwahl bevorzugt der Mensch in der Regel das Bekannte, beziehungsweise Variationen des Bekannten, und bevorzugt aus der Bandbreite des Bekannten immerzu das Erfolgreiche, das<br \/>Massenprodukt mit der magisch aufgeladenen Aura. Dieses Prinzip wird<br \/>marketingstrategisch aufgegriffen, sei es nun im Internet oder aber im<br \/>Buchladen um die Ecke. Zum Beispiel liegen in einer Buchhandlung die<br \/>erfolgreichen Neuerscheinungen auf dem Tisch direkt am Eingang, weil man die Kunden locken m\u00f6chte, wodurch sich ihr Bekanntheitsgrad noch weiter erh\u00f6ht. Auch B\u00fccher, die ihnen \u00e4hnlich sind, landen in den &#8222;vorderen Reihen\u201c. Wenn ein Produkt &#8222;geht\u201c, setzt man auf das immerfort gleiche Pferd, bis die Sache ausgereizt ist; ein Marktprinzip, an dem ein Marktneuling unter Umst\u00e4nden verzweifelt. Aber immerhin gibt es in der Buchhandlung auch die &#8222;hinteren Reihen\u201c, Nischen, die man zuf\u00e4llig oder auch gezielt entdecken kann. Am Beispiel Buchhandlung wird deutlich: man muss nur ein paar Meter weiter gehen, dort kann man schlendern, suchen, flanieren, und immer noch viel Unbekanntes entdecken. Auch bei Google gibt es diese &#8222;hinteren Reihen\u201c, aber ihre Bedeutung ist marginal. Und die Situation spitzt sich zu: je weiter Google in die Lage versetzt wird, Daten zu nutzen und Suchergebnisse im Sinne des Marktes zu optimieren, desto unwichtiger werden diese hinteren Reihen, die zwar vielleicht f\u00fcr die gro\u00dfe &#8222;Masse\u201c der Menschen ohnehin keine Rolle spielen, aber f\u00fcr das Wissensprofil der Gesellschaft enorm wichtig sind. Die Intelligenz einer Gesellschaft steht und f\u00e4llt mit ihrer Informations- und Ideenvielfalt.<\/p>\n<p>Dabei war gerade das Internet eine gro\u00dfe Chance, einen Raum zu \u00f6ffnen, in dem unendliche Vielfalt stattfinden kann. Die Aufbruchstimmung und Euphorie in den fr\u00fcher 90er Jahren entz\u00fcndete sich nicht zuletzt an der historischen M\u00f6glichkeit, Nischen bereit zu stellen, die f\u00fcr jeden Menschen ohne Hindernis erreichbar sind, und damit auch die Macht des Marktes unterlaufen. Es schien einfach, Wissen zu demokratisieren, den Horizont zu erweitern. Doch mit der fortschreitenden &#8222;Googleisierung\u201c des Internets (und der Gesellschaft) ist es f\u00fcr alles, was abseits des Mainstreams liegt, noch schwerer geworden, in Erscheinung zu treten. Subkulturelle Nischen werden zunehmend bedeutungslos und geraten schlie\u00dflich in Vergessenheit. Aber auch auf den Mainstream wirkt sich dieser Prozess am Ende negativ aus, schlie\u00dflich bedient sich der Mainstream eifrig an der Subkultur, holt sich dort &#8222;das Neue\u201c, generiert dort die Sensation, die der Markt braucht, um seinen Motor am Laufen zu halten.<\/p>\n<p><b>Freiheit gibt es nicht umsonst<\/b><\/p>\n<p>Der gesellschaftliche Einfluss Googles ist immens und sollte uns Grund genug sein, die Entwicklung wachsam zu begleiten. Insofern erstaunt die relative Gelassenheit, mit der auf Neuerungen wie beispielsweise die Google-Brille reagiert wird. Im Grunde seines Herzens glaubt der Mensch wohl einfach nicht daran, dass ihn eine Maschine beeinflussen k\u00f6nnte. Wir Menschen sitzen der Illusion auf, unsere Individualit\u00e4t stehe f\u00fcr immer fest, sei unverr\u00fcckbar, w\u00e4re eine feste Gr\u00f6\u00dfe. Wir glauben wider besseren Wissens, dass wir stets frei entscheiden, welche Musik wir h\u00f6ren und welches Buch wir lesen. Im Grunde wissen wir es aber besser. Der Hybrid von Mensch und Maschine findet als Gruselvision im Genres des Science Fiction Beachtung, genau wie die Manipulation des Menschen durch Maschinen. Im fiktiven Bereich \u00e4u\u00dfert sich also das Unbehagen, mit dem wir reale Entwicklungen betrachten, durchaus. So spektakul\u00e4r wie im Film &#8222;Matrix\u201c von 1999, wo das Bewusstsein der Menschen von Menschmaschinen versklavt wurde, schaut Google nat\u00fcrlich nicht ins Hirn seiner Nutzer. Trotzdem wird mit der M\u00f6glichkeit, mit Nutzerdaten Suchergebnisse zu optimieren, eine gewisse Grundlage der Manipulationsf\u00e4higkeit geschaffen, die uns hellh\u00f6rig werden lassen sollte.<br \/>Wir m\u00fcssen im Hinterkopf behalten, dass auch um die Freiheit gek\u00e4mpft werden muss.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Googlen wir uns dumm und d\u00e4mlich Dieser Essay von Manuela Branz ist ein Auszug aus dem SUMA-EV Newsletter vom 22.5.2013; Sie k\u00f6nnen den SUMA-EV&#8230;<\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[79],"tags":[],"ppma_author":[236],"class_list":["post-788","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medien"],"authors":[{"term_id":236,"user_id":2,"is_guest":0,"slug":"manuela","display_name":"Manuela Branz","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/9f7ade8223731790b0de90fe7bf90cb5c88d89980d8e7fb01717430db92446cc?s=96&d=mm&r=g","0":null,"1":"","2":"","3":"","4":"","5":"","6":"","7":"","8":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/788","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=788"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/788\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2983,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/788\/revisions\/2983"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=788"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=788"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=788"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=788"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}