{"id":807,"date":"2013-11-14T09:36:55","date_gmt":"2013-11-14T08:36:55","guid":{"rendered":"https:\/\/beta.suma-ev.de\/?p=807"},"modified":"2019-10-30T11:02:17","modified_gmt":"2019-10-30T10:02:17","slug":"auf-dem-weg-zu-einer-europaeischen-internet-infrastruktur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/auf-dem-weg-zu-einer-europaeischen-internet-infrastruktur\/","title":{"rendered":"Auf dem Weg zu einer europ\u00e4ischen Internet-Infrastruktur?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auf dem Weg zu einer europ\u00e4ischen Internet-Infrastruktur?<\/h2>\n\n\n<p><b>Eine \u00dcberschrift wie die obige h\u00e4tte vor einem halben Jahr noch keine Zeitschrift gedruckt \u2013 sie w\u00e4re als v\u00f6llig utopisch abgetan worden. Mit den Snowden-Enth\u00fcllungen und dem Bekanntwerden der Total\u00fcberwachung des Internet durch US-Geheimdienste hat sich die Welt jedoch ver\u00e4ndert. Meist geschehen Ver\u00e4nderungen langsam, oft kaum merklich; dies jedoch war eine sprunghafte \u00c4nderung, ohne amtliche Vorwarnung. Anzeichen gab es zwar genug, aber \u2013 wie immer bei \u201eKatastrophen\u201c &#8211; wurden sie gern \u00fcbersehen. Jetzt \u201eliegt das Kind im Brunnen\u201c, jetzt wird die Rettung wenn \u00fcberhaupt, dann teuer.<\/b><\/p>\n<p>(Ver\u00f6ffentlicht auch in der Zeitschrift &#8222;<a href=\"http:\/\/www.passwordonline.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Password<\/a>&#8222;, No. 11\/2013)<\/p>\n<p>Sehr schnell nach Bekanntwerden der \u00dcberwachungs-Katastrophe wurden in der Politik quer \u00fcber alle Parteien hinweg Stimmen laut, die aus dem diesem Spionageverhalten der US-Geheimdienste Konsequenzen f\u00fcr Deutschland und Europa forderten: ein deutsches Internet [1], [3] oder weitergehend und konsequent eine europ\u00e4ische Internet-Infrastruktur [2], [4], [5]. Egal in welchen Br\u00fcsseler Gremien man das Thema derzeit anspricht, man erntet fast immer nur Zustimmung \u2013 allerdings meist mit dem Zusatz: \u201eGeht das denn \u00fcberhaupt?\u201c. Vielleicht noch: \u201eWas kostet das?\u201c.<\/p>\n<p>Die erste Frage kann man mit einem klaren JA beantworten. Technisch geht das. Genauso wie es geht, dass Europa ein eigenes Flugzeug entwickelt, den Airbus. Damit sind wir auch schon bei der zweiten Frage: Es wird auch nicht billiger als ein Airbus-Projekt; wir reden also \u00fcber ein Multi-Milliarden-Projekt. Nach der Analogie zum Flugzeug wird dieser Aufbau eines europ\u00e4ischen Internet sinnigerweise auch &#8222;IT-Airbus&#8220; genannt [5].<\/p>\n<p>Schauen wir nun in die Details und kommen zur ersten Frage zur\u00fcck: WIE geht das \u2013 ein europ\u00e4isches Internet? Oder fragen wir anders: Was soll ein europ\u00e4isches Internet leisten? Folgende Anforderungen soll es auf jeden Fall erf\u00fcllen:<\/p>\n<p><b>Was soll ein europ\u00e4isches Internet leisten?<\/b><\/p>\n<ol>\n<li> Daten, die zwischen Rechnern in Europa flie\u00dfen, sollen ausschlie\u00dflich auf Datenleitungen, Routern und Servern in Europa transportiert werden; sie sollen den \u201eDatenschutzraum Europa\u201c nicht verlassen. Das ist ein (l\u00f6sbares) technisches Problem. Dazu geh\u00f6ren angepasste Routing-Tabellen und -Software, aber auch eigene europ\u00e4ische Root-Nameserver.<\/li>\n<li> Dazu geh\u00f6rt vor allem auch, dass dieser \u201eDatenschutzraum Europa\u201c zun\u00e4chst eindeutig definiert ist: daf\u00fcr brauchen wir ein einheitliches EU-Datenschutzrecht. Das ist ein politisches Problem und es muss endlich politisch umgesetzt werden, sonst sind Milliarden f\u00fcr eine europ\u00e4ische Internet-Infrastruktur sinnlos.<\/li>\n<li> Die genutzten Internet-Dienste sollten ebenfalls m\u00f6glichst komplett in Europa beheimatet sein und europ\u00e4ischem Recht unterliegen. Die vollst\u00e4ndige Umsetzung dieser Anforderung erscheint derzeit kaum m\u00f6glich: Ein europ\u00e4isches Facebook, Twitter, Amazon, Ebay \u2013 das ist in absehbarer Zeit kaum vorstellbar. Aber Email-Dienste und europ\u00e4ische Suchmaschinen sind durchaus machbar und zum Teil ja auch bereits vorhanden.<\/li>\n<li> Was wir dann als \u201eTreibstoff der Internet-Branche\u201c unbedingt noch brauchen, das sind europ\u00e4ische Internet-Werbeagenturen. Denn letztlich m\u00fcssen sich die Internet-Dienste und Strukturen finanzieren, und jegliche Finanzierung im Internet geschieht vor allem \u00fcber Werbung. Die Alternativen w\u00e4ren: die Dienste kostenpflichtig zu machen oder dauerhaft aus Steuermitteln zu finanzieren. Beides d\u00fcrfte kaum machbar sein. Die Internet-Werbebranche ist aktuell von einer extremen Monopolsituation gekennzeichnet: die beiden globalen und etablierten Monopole sind vor allem Google und ein bischen Yahoo, daneben gibt es derzeit fast nichts. Diese Situation muss Europa aufbrechen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Schauen wir uns nun diese vier Anforderungen und ihr Zusammenwirken noch einmal im Zusammenhang und im Detail an. Die erste Forderung \u201eDaten von Europa nach Europa sollen auch hier bleiben\u201c setzt bereits das Wissen voraus, dass das h\u00e4ufig nicht der Fall ist: wenn ein Datenpaket von Hannover nach Frankfurt flie\u00dft, kann das durchaus den Umweg \u00fcber den Atlantik nehmen. Aber wo die Daten in jedem Einzelfall genau flie\u00dfen \u2013 das wei\u00df derzeit niemand. Daher br\u00e4uchten wir als allerersten Schritt in dieser Richtung zun\u00e4chst mal eine Software, die den Datenflu\u00df geographisch sichtbar macht. Damit auch jeder versteht, dass es ein Problem ist, wenn seine pers\u00f6nlichen Daten irgendwo in der Welt herumschwirren. Das was es an diesbez\u00fcglicher Software gibt, basiert auf dem Insidern durchaus bekannten Programm traceroute (tracert auf Windows-Rechnern). Aber das Programm verfolgt den Weg von ICMP-Datenpaketen, und ob andere Daten ebenfalls diesen Weg nehmen, ist nicht sicher. Sicher ist nur, dass die Handhabung dieser Programme f\u00fcr nicht-IT-ler unzumutbar ist.<\/p>\n<p>Wenn also die Entwicklung eines europ\u00e4ischen Internet ernst gemeint ist, dann m\u00fcsste zuerst ein Projekt aufgesetzt werden, welches den globalen Datenfluss f\u00fcr den einzelnen Nutzer visualisiert. Das w\u00fcrde beim Nutzer die Akzeptanz \u2013 und die ist wesentliche Voraussetzung f\u00fcr einen Erfolg von Europas Internet \u2013 drastisch erh\u00f6hen.<\/p>\n<p><b>Die einzige technische Zentrale des Internet darf nicht unter alleiniger Kontrolle der USA bleiben<\/b><\/p>\n<p><b>Kommen wir nun zu einem weiteren Punkt der ersten Forderung: zu den Root-Nameservern. Es gibt im globalen Internet technisch gesehen nur eine einzige Zentrale: das sind die Root-Nameserver. Sie setzen die Namen der Webadressen um in deren IP-Adressen; wenn mal beispielsweise im Browser als Adresse <a href=\"http:\/\/www.metager.de\">www.metager.de<\/a> eintippt, dann machen die Nameserver daraus die IP-Adresse 130.75.2.6. Erst danach k\u00f6nnen die Datenpakete zum Ziel transportiert werden. Diese Nameserver sind hierarchisch strukturiert, die oberste Ebene bilden die Root-Nameserver. Wenn sie ausfallen, ist es nicht mehr m\u00f6glich, Webadressen \u00fcber ihren Namen zu erreichen \u2013 das Internet wird f\u00fcr Normalverbraucher nicht mehr benutzbar. Wer die Root-Nameserver kontrolliert, hat damit die Oberhoheit \u00fcber das Netz &#8211; sie liegt beim US-Handelsministerium und damit unter der Kontrolle der USA.<\/b><\/p>\n<p><b>In der Vergangenheit hat es etliche Versuche gegeben, dieses \u201eHerz des Internet\u201c unter die Kontrolle internationaler Organisationen, wie z.B. der UNO, zu stellen. Das wurde bereits 2003 und 2005 auf den Internet-Weltgipfel-Konferenzen in Genf und Tunis diskutiert (\u201eWorld Summit on the Information Society\u201c: WSIS I und II). Aber bisher haben die USA s\u00e4mtliche derartigen Versuche vehement abgewehrt, und das wird auch in Zukunft nicht anders sein [6]. Wenn Europa von den USA netztechnisch unabh\u00e4ngig sein will, dann MUSS Europa auch ein eigenes System von Root-Nameservern implementieren.<\/b><\/p>\n<p><b>Wenn wir jetzt alle weiteren Punkte mit diesem Detaillierungsgrad diskutieren wollten, w\u00fcrde dieser Beitrag mehrere Hefte dieser Zeitschrift f\u00fcllen. Ich greife daher aus den folgenden Punkten nur einen Brennpunkt exemplarisch heraus: europ\u00e4ische Internet-Dienste.<\/b><\/p>\n<p><b>Die Suchmaschinen eines europ\u00e4ischen Internet<\/b><\/p>\n<p>Denjenigen Dienst, den sicherlich jeder Internet-Nutzer am h\u00e4ufigsten braucht, ist die Suche. Wir br\u00e4uchten also zuerst europ\u00e4ische Suchmaschinen im EU-Raum. Die einzigen beiden, die einen breiten Suchraum erfassen, sind derzeit unsere deutsche MetaGer mit der englischen Version http:\/\/metager.net und das franz\u00f6sische Exalead (<a href=\"http:\/\/www.exalead.com\/search\/\">http:\/\/www.exalead.com\/search\/<\/a>), welches in MetaGer integriert ist. Exalead verf\u00fcgt als eine der sehr wenigen Suchmaschinen \u00fcber einen eigenen, breiten globalen Index.<\/p>\n<p>Lewandowski [7] schl\u00e4gt vor, diese Grundlage jeder Suchmaschine, den Index, als eine Aufgabe der EU zu definieren: ein solcher Index solle im Auftrag der EU erstellt und gepflegt werden. Er kann dann zu fairen Bedingungen jedem offen stehen, der darauf aufbauend eine Suchmaschine anbieten will. Diese L\u00f6sung hat den Charme, dass sie vielen Anbietern eine Chance er\u00f6ffnet. Damit k\u00f6nnten wir endlich von der Monopolsituation zu einer Vielfalt im Angebot zur\u00fcckfinden. Kritische Punkte eines solchen Vorhabens sind Qualit\u00e4t und die Breite des Indexes, der enorme Kapitalbedarf, sowie die Zeitdauer des Aufbaues. Zumindest f\u00fcr eine \u00dcbergangszeit wird Europa daher auf Meta-Konzepte angewiesen sein, wenn eine Abkehr von US-Suchmaschinen erfolgen soll.<\/p>\n<p>Gehen wir jetzt noch einmal in andere Detailtiefen eines europ\u00e4ischen Internet: Wenn Europa wirklich sicher vor Spionage werden will, dann m\u00fcssen wir auch fragen, inwieweit die aktuellen Softwaresysteme sicher sind. Niemand wei\u00df wirklich, was an Hintert\u00fcren dort eingebaut ist; bei Router-Software sind Hintert\u00fcren gefunden worden [8]. Es gibt sogar den Verdacht, dass in die Chips\u00e4tze Hintert\u00fcren auf Hardwareebene eingebaut sein k\u00f6nnten [9]. Wenn ein europ\u00e4isches Internet wirklich spionagesicher sein soll, dann m\u00fcssten auf allen Ebenen des Netzes europ\u00e4ische Produkte entwickelt werden: angefangen bei der Hardware \u00fcber die Betriebssysteme bis zur Client-Software.<\/p>\n<p>Dies alles mit einem nach EU-Manie\/r mit Meilensteinen gestaffelten Plan innerhalb der normalen Eurokratie bew\u00e4ltigen zu wollen, ist illusorisch. F\u00fcr diese Aufgabe muss ein neues Verfahren gefunden werden. Die Entwicklung muss organisch wachsen, und Europa muss mit kleinen Schritten beginnen. Ein allererster Schritt w\u00e4re das oben angedeutete Programm, gerne auch als App, welches den Weg der eigenen Daten auf der Weltkarte visualisiert. Das allein w\u00fcrde manchem die Augen \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Wolfgang Sander-Beuermann<\/p>\n<p><b>Quellen:<\/b><\/p>\n<p>[1] <a href=\"http:\/\/business.chip.de\/news\/NSA-Leaks-Politiker-fordern-deutsches-Internet_62445478.html\">http:\/\/business.chip.de\/news\/NSA-Leaks-Politiker-fordern-deutsches-Internet_62445478.html<\/a><\/p>\n<p>[2] <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/webwelt\/article118212673\/Politiker-fordern-Aufbau-eines-europaeischen-Google.html\">http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/webwelt\/article118212673\/Politiker-fordern-Aufbau-eines-europaeischen-Google.html<\/a><\/p>\n<p>[3] <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/digital\/internet\/nsa-soll-draussen-bleiben-telekom-will-innerdeutsches-e-mail-netz-gegen-spione_aid_1127735.html\">http:\/\/www.focus.de\/digital\/internet\/nsa-soll-draussen-bleiben-telekom-will-innerdeutsches-e-mail-netz-gegen-spione_aid_1127735.html<\/a><\/p>\n<p>[4] <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/europa\/nsa-spionage-bruessel-plant-europaeisches-internet\/8590722.html\">http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/europa\/nsa-spionage-bruessel-plant-europaeisches-internet\/8590722.html<\/a><\/p>\n<p>[5] <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1375626291712\/NSA-Folgen-Europaeer-traeumen-von-IT-Aufholjagd\">http:\/\/derstandard.at\/1375626291712\/NSA-Folgen-Europaeer-traeumen-von-IT-Aufholjagd<\/a><\/p>\n<p>[6] <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/NSA-Skandal-und-US-Etatkrise-IP-Registries-ICANN-IETF-und-W3C-gegen-nationalstaatliche-Internet-Fragmentierung-1974315.html\">http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/NSA-Skandal-und-US-Etatkrise-IP-Registries-ICANN-IETF-und-W3C-gegen-nationalstaatliche-Internet-Fragmentierung-1974315.html<\/a><\/p>\n<p>[7] Dirk Lewandowski, Handbuch Internet-Suchmaschinen 3, 2013<\/p>\n<p>[8] <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/security\/meldung\/D-Link-Router-mit-Hintertuer-1977835.html\">http:\/\/www.heise.de\/security\/meldung\/D-Link-Router-mit-Hintertuer-1977835.html<\/a><\/p>\n<p>[9] <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/ct\/artikel\/Spekulationen-um-geheime-Hintertueren-in-Intel-Chipsaetzen-1968742.html\">http:\/\/www.heise.de\/ct\/artikel\/Spekulationen-um-geheime-Hintertueren-in-Intel-Chipsaetzen-1968742.html<\/a><\/p>\n<p><b><\/b><b><\/b><b><\/b><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Weg zu einer europ\u00e4ischen Internet-Infrastruktur? 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