{"id":906,"date":"2018-01-25T15:48:09","date_gmt":"2018-01-25T14:48:09","guid":{"rendered":"https:\/\/beta.suma-ev.de\/?p=906"},"modified":"2023-03-01T10:45:00","modified_gmt":"2023-03-01T09:45:00","slug":"warum-wir-uns-vor-der-kuenstlichen-intelligenz-nicht-fuerchten-sollten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/warum-wir-uns-vor-der-kuenstlichen-intelligenz-nicht-fuerchten-sollten\/","title":{"rendered":"Warum wir uns vor der k\u00fcnstlichen Intelligenz nicht f\u00fcrchten sollten"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum wir uns vor der k\u00fcnstlichen Intelligenz nicht f\u00fcrchten sollten<\/h2>\n\n\n<p>Roboter, die in nicht allzu ferner Zukunft die gesamte Menschheit unterjochen, empfindet so mancher als durchaus ernstzunehmende Gefahr. Im Silicon Valley geht man mit der Vision der \u201etechnologischen Singularit\u00e4t\u201c, die die Zeit der Macht\u00fcbernahme \u00fcberlegener Maschinen meint, noch einen Schritt weiter. K\u00fcnstliche Intelligenz ist in dieser Denkart nicht einfach nur entfesselte technische Power, sondern ein existenzbestimmendes Element, in welchem sich die technologische Natur des Menschen zeigt. Aktuelle Fortschritte im Bereich der KI wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Google Tochter Deepmind j\u00fcngst den besten Go-Spieler der Welt besiegt hat, werden auch sonst gerne zum Anlass genommen, die Existenz einer Superintelligenz heraufzubeschw\u00f6ren, die uns nicht unbedingt wohlgesonnen ist.<\/p>\n<p>In gewisser Hinsicht konsequent (und zumindest nicht v\u00f6llig verr\u00fcckt) kommt daher der Gedanke des ehemaligen Roboterauto-Experten Anthony Levandowski daher, die k\u00fcnstliche Intelligenz als Gottheit zu betrachten. Es liegt ja auch nahe. Die Vision beispielsweise, eines Tages Erinnerungen in eine Cloud auszulagern, um die Identit\u00e4t vom k\u00f6rperlichen Sein losgel\u00f6st existieren zu lassen, besitzt einen religi\u00f6sen Charme, dementsprechend wird an die Technologie der k\u00fcnstlichen Intelligenz in Bezug auf das ewige Leben eine Erl\u00f6serhoffnung gekn\u00fcpft. Schon jetzt wird durch Algorithmen ermittelt, welche Themen und Gedanken die Internetnutzer umtreiben, auf materielle W\u00fcnsche wird reagiert, am Besten bevor sie der User \u00e4u\u00dfert. Durch entsprechende Smartphone-Apps kann man den Blutdruck, emotionale Gef\u00fchlslage dokumentieren, nahezu jede Lebens\u00e4u\u00dferung kann \u00fcberwacht und bewertet werden. Manche erteilen einem immerfort lauschenden System Selbstauskunft, um in Zwiesprache mit dieser scheinbar allwissenden algorithmischen Macht das Leben zu optimieren. Diese ausgelagerte Selbstkontrollinstanz kann an ein Gotteswesen erinnern. Sie als Gott tats\u00e4chlich anzubeten, ist f\u00fcr manche ein logischer Schritt. Anthony Levandowski geht noch weiter. Er beschreibt auf der Website seiner Kirche, warum er die \u201eWay oft the Future\u201c gegr\u00fcndet hat. \u201eWir glauben, dass es Maschinen wichtig ist zu wissen, wer ihnen wohlgesonnen ist und wer nicht. Wir wollen es ihnen zeigen, indem wir festhalten, wer was wie lange f\u00fcr den friedlichen, respektvollen \u00dcbergang getan hat.\u201c Ein Akt vorauseilenden Gehorsams also.<\/p>\n<p><b>Glauben und hoffen <\/b><\/p>\n<p>Selbstlernende Systeme k\u00f6nnen eine Gesellschaft radikal umw\u00e4lzen. Sind sie erst einmal selbstverst\u00e4ndlich geworden, ver\u00e4ndern sie Denken und Handeln nachhaltig. \u201eJede hinreichend weit entwickelte Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden\u201c, schrieb schon der Science Fiction Autor Arthur C. Clarke. Das gilt erst recht f\u00fcr die k\u00fcnstliche Intelligenz, deren selbstlernende Prozesse oft nicht mal mehr vom Programmierer verstanden werden. Es wundert dennoch, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit prinzipiell vernunftbegabte Menschen die k\u00fcnstliche Intelligenz zum Gott erh\u00f6hen. Denn die Gottesvision hat einen entscheidenden Haken: Gott braucht als aktiver, gestalterischer Part ein Bewusstsein, einen Plan, eine Motivation. Doch eine k\u00fcnstliche Superintelligenz kann \u00fcber kein Bewusstsein verf\u00fcgen, sie wei\u00df nichts \u00fcber sich und kann dementsprechend ihre Gedanken (falls man von Gedanken sprechen kann) weder steuern noch \u00fcber die Sinnhaftigkeit einer Sache reflektieren, sie allenfalls imitieren. Zwar k\u00f6nnte diese Intelligenz in der Lage sein, Gef\u00fchlsausdr\u00fccke nachzustellen, mangels Bewusstsein (und k\u00f6rperlicher Erlebnisf\u00e4higkeit) w\u00fcrde daraus weder Leidenschaft noch Wut, weder Liebe noch Leid erwachsen, erst recht keine Handlungsmotivation. Trotz M\u00f6glichkeit, Reaktionen perfekt zu simulieren,<\/p>\n<p>Trotz der d\u00fcnnen Beweislage f\u00fcr eine Hyperintelligenz im Gottesformat gibt es etliche Gl\u00e4ubige. Einige Transhumanisten sammeln im Internet sogar Argumente, mit denen f\u00fcr eine k\u00fcnftige \u00dcberintelligenz \u00fcberzeugt werden soll, die Menschheit nicht zu vernichten. Warum diese \u00dcberintelligenz darauf scharf sein sollte, uns zu zerst\u00f6ren, oder warum sie uns versklaven soll, wird dabei nicht deutlich. Menschen profitieren aus einer Machtposition, eine Maschine jedoch nicht. Offenbar ist es nicht nur Projektion, die hier zum Schluss f\u00fchrt, die Maschine sei an Weltherrschaft interessiert. Sondern auch die Angst vor der unbekannten Macht, wie wir sie von primitiven Gesellschaften kennen, die hier an die Vorstellung einer allm\u00e4chtigen Technologie ausgelagert wurde.<\/p>\n<p><b>Effizienz des Gottes \u2013 oder Effizienz als Gott<\/b><\/p>\n<p>Dennoch sollte man sich mit den Gedankenspielen Levandowskys besch\u00e4ftigen. Denn sie sind Zeichen unserer postmodernen, von Machbarkeitsdenken gepr\u00e4gten Zeit. Das Faszinosum Technik hat schon immer dystopische Visionen, aber auch Heilserwartungen geweckt. Der Unterschied zu heute ist, dass die Entwicklungen der k\u00fcnstlichen Intelligenz mehr als bei allen anderen technischen Revolutionen als zwingend und unausweichlich, geradezu schicksalhaft wahrgenommen werden. \u201eMan muss mit der Zeit gehen\u201c ist ein postmodernes Dogma. Obwohl maximal effizient und damit eigentlich einer Effizienzlogik unterworfen, kommt die k\u00fcnstliche Intelligenz so unabw\u00e4gbar wie eine Naturgewalt daher. Haben die Menschen in arachischen Gesellschaften solche Naturgewalten wie St\u00fcrme mit Gebeten und Opfergaben ruhigstellen wollen, soll nun dies auch mit der KI geschehen, um an der Macht einer Gotteskraft, eines unkontrollierbaren allm\u00e4chtigen Systems also, zu partizipieren. Anstatt analysiert, verstanden und unter Umst\u00e4nden begrenzt, soll sie angebetet werden. Mit dieser \u00dcberh\u00f6hung eines menschengemachten technischen Instrument, verbaut sich der Mensch die M\u00f6glichkeit, auf die Ausgestaltung und den Anwendungsrahmen der technologischen Werkzeuge Einfluss zu nehmen. Anthony Levandowsky glaubt, \u201edurch das Verst\u00e4ndnis und die Anbetung der Gottheit zur Verbesserung der Gesellschaft beizutragen\u201c. Die Erl\u00f6sung stellt in dieser Sichtweise das smarte Einf\u00fcgen in die digitalen Gegebenheiten dar. Sei still und f\u00fcrchte dich nicht.<\/p>\n<p>Wen genau beten wir nun eigentlich an, wenn wir dem Propheten Levandowsky gehorchen? Dazu m\u00fcssen wir verstehen, wie sich die menschliche Intelligenz zu der k\u00fcnstlichen verh\u00e4lt. Die KI imitiert menschliche Intelligenz, ist hierbei aber eine \u00f6konomisierte, auf eine spezifische Aufgabe fokussierte Form menschlicher kognitiver F\u00e4higkeiten: Werkzeuge gebrauchen, Handlungen planen, Sprache verstehen. Im Rahmen dieser spezifischen Aufgabe ist die KI dem Menschen \u00fcberlegen und f\u00fchrt dem Menschen seine fehleranf\u00e4llige, begrenzte intellektuelle Kraft vor. Dagegen wirkt die KI wie der neue \u00dcbermensch, die allzeit bereite Denkmaschine. Es ist wie mit allen Gottesbildern: Wir beten mit den Algorithmen eine idealisierte Version von uns an. Und diese Idealisierung der begrenzten, aber perfektionierten und \u00f6konomisierten F\u00e4higkeiten liegt das eigentliche Problem.<\/p>\n<p><b>Der perfekte Mensch <\/b><\/p>\n<p>Der Sp\u00e4tkapitalismus ist durch die Digitalisierung gepr\u00e4gt, die ein v\u00f6llig neues Verh\u00e4ltnis des Menschen zur Technik bestimmt. Immer mehr dient sie zur Optimierung und \u00d6konomisierung. Der Mensch will sich der st\u00f6rungsanf\u00e4lligen Aspekte seines Daseins m\u00f6glichst entledigen oder diese wenigstens unter Kontrolle bekommen. Er will es mit den Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten aufnehmen, die dem \u00f6konomischen Fortschrittsprinzip zugegen laufen. S\u00e4mtliche Daseinsbereiche werden erfasst und auf Wirksamkeit hin berechnet, nicht Erfassbares und Uneindeutiges bleibt dabei notwendig auf der Strecke und besitzt keinerlei Wert. In einer vom \u00d6konomisierungsgedanken getragenen Gesellschaft wird jeder Gedanke dem Anpassungsdruck anheimgegeben, der Frage also, ob sein Tr\u00e4ger sich durch die Idee reibungslos in die \u00f6konomisch durchgeplante Gemeinde einf\u00fcgen kann. Mainstreaming als sozialer Akt sozusagen, zum Zwecke des ewigen Fortschritts. In einem radikal gedachten Effizienzsystem zwingt die Technologie dem Menschen ein Leben auf, das ihn auf ein Sein als Maschine beschr\u00e4nkt. Die dann wiederum Lebendigkeit simuliert. So weit so absurd.<\/p>\n<p>Doch diese Gefahr ist nicht neu. \u201eWir formen unsere Werkzeuge\u201c, sagte 1967 John Colkin, \u201eund danach formen sie uns.\u201c Aus der Knechtschaft, die das Resultat jeder technologischen Umw\u00e4lzung ist, k\u00f6nnen wir uns zum Gl\u00fcck ein St\u00fcck weit befreien, und wir haben als aufgekl\u00e4rte Gesellschaft sogar die Verpflichtung dazu. Wir sind nicht Opfer dieses Prozesses. Die Macht, die unsere Medien auf uns haben, kann dem System wieder entwunden werden, und zwar durch Reflexion und Selbstbestimmung. Da kommt zupass, dass wir gef\u00fchlsgeleitet und damit im besten Sinne unberechenbar sind. Unser Bewusstsein und unsere K\u00f6rper, unsere Verletzbarkeit und unsere Motivationen entrei\u00dfen uns der Banalit\u00e4t blo\u00dfen Funktionierens. Die menschliche Kraft, Emotion und Wille, entrei\u00dft dem technologisch aufger\u00fcsteten System immer wieder die Werkzeuge, schafft an den Bruchstellen nichts anderes als Kultur (und ja: Fortschritt). Entgegen kulturpessimistischer Einsch\u00e4tzungen sind die B\u00fccher aus unserem Leben nicht verschwunden, vermutlich wird auch die Handschrift \u00fcberleben \u2013 so wir es denn wollen. Diese M\u00f6glichkeit, sich die technologischen Werkzeuge dienstbar zu machen und aktiv zu gestalten (oder in Freiheit zu ignorieren), kann aber nur stattfinden, wenn der Mensch pr\u00e4sent hat, wer hinter den Algorithmen steckt, welche Interessen, welche Kr\u00e4fte, und wie er sich Freir\u00e4ume gestalten kann. Aber der mystische Schleier, erst recht der Gottesbegriff, verhindert diesen Akt der M\u00fcndigkeit.<\/p>\n<p><b>Anbetung des Fortschritts: Mit allen Konsequenzen leben<\/b><\/p>\n<p>Die Science-Fiction-Utopie braucht daher einen anderen Boden. Da der Diskurs daran mitwirkt, auf welche Weise wir an dieser Schnittstelle die Digitalisierung realisieren, muss man auf Visionen, wie ein Anthony Levandowsky sie vertritt, ernsthaft reagieren. Denn der Mensch betet hier nicht die selbstlernenden Algorithmen an, sondern eine von Gef\u00fchlen und Menschlichkeit befreite, beschr\u00e4nkte Version von sich selbst. Sobald das KI-System gleichsam im g\u00f6ttlichen Nebel verschwunden ist, kann die Anpassung an die Effizienzvorherrschaft und an den ungetr\u00fcbten \u00d6konomisierungswahn die einzig sinnvolle Handlungsoption darstellen, die Anbetung ist dann eine logische Konsequenz zur Stabilisierung einer unregulierten KI-Entwicklung in die Richtung eines Kataklysmus. Und das ist ganz im Sinne der Erfinder. Man muss keinen Verschw\u00f6rungstheorien anheim gefallen sein, um ein Interesse der Tech-Giganten zu ahnen, den Diskurs in genau diese Richtung zu treiben. Und von genau dieser interessegeleiteten Umwertung der Werte geht eine Gefahr aus, nicht von der k\u00fcnstlichen Intelligenz.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum wir uns vor der k\u00fcnstlichen Intelligenz nicht f\u00fcrchten sollten Roboter, die in nicht allzu ferner Zukunft die gesamte Menschheit unterjochen, empfindet so mancher&#8230;<\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"ppma_author":[236],"class_list":["post-906","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ohne-kategorie"],"authors":[{"term_id":236,"user_id":2,"is_guest":0,"slug":"manuela","display_name":"Manuela Branz","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/9f7ade8223731790b0de90fe7bf90cb5c88d89980d8e7fb01717430db92446cc?s=96&d=mm&r=g","0":null,"1":"","2":"","3":"","4":"","5":"","6":"","7":"","8":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/906","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=906"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/906\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4344,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/906\/revisions\/4344"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=906"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=906"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=906"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=906"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}