{"id":929,"date":"2018-06-25T10:35:21","date_gmt":"2018-06-25T08:35:21","guid":{"rendered":"https:\/\/beta.suma-ev.de\/?p=929"},"modified":"2019-10-29T10:27:15","modified_gmt":"2019-10-29T09:27:15","slug":"die-privatsphaere-ist-unbezahlbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/die-privatsphaere-ist-unbezahlbar\/","title":{"rendered":"Die Privatsph\u00e4re ist unbezahlbar"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Privatsph\u00e4re ist unbezahlbar<\/h2>\n\n\n<p>Von Manuela Branz<\/p>\n<p>Der Skandal bei Facebook im Zusammenhang mit Cambridge Analytica hat eine Debatte \u00fcber die Datensouver\u00e4nit\u00e4t der Internetnutzer ausgel\u00f6st. Von Daten als \u201e\u00d6l des 21. Jahrhunderts\u201c ist die Rede, Angela Merkel lieb\u00e4ugelt auf Grundlage eines j\u00fcngst von Wissenschaftlern erstellten Papiers (\u201e \u201eShould We Treat Data As Labor? Moving Beyond \u201aFree\u2019\u201c) mit einer Art Datensteuer. \u201eDie Bepreisung von Daten, besonders die der Konsumenten, ist aus meiner Sicht das zentrale Gerechtigkeitsproblem der Zukunft\u201c, sagte Merkel auf einer Veranstaltung in Berlin. Ansonsten werde man eine sehr ungerechte Welt erleben, in der die Menschen Daten kostenlos lieferten und andere damit Geld verdienten. Nutzer, die ihre Daten zur Verf\u00fcgung stellen, sollten also einen monet\u00e4ren Gewinn daraus ziehen. All dem liegt die in der Tat richtige Einsch\u00e4tzung zugrunde, dass sich die Nutzer von Internetdiensten bislang wenig \u00fcber den Wert ihrer Daten bewusst waren und oft einen nicht ausreichend entwickelten Sinn f\u00fcr ihre Privatsph\u00e4re im Internet besa\u00dfen. Bislang war die kostenfreie Nutzung der Internetdienste dem Gesch\u00e4ftsprinzip des Microtargetings geschuldet, also der zielgruppenbasierten Werbung auf Grundlage von Nutzerdaten. Die DSGVO hat diesem Gesch\u00e4ftskonzept erste Steine in den Weg gelegt und mit der Bereitstellung des Opt-In-Verfahrens das Prinzip Freiwilligkeit ins System eingepasst. Nun soll, wenn es nach Politikern wie Merkel geht, der Nutzer dar\u00fcberhinaus im Falle der Datenfreigabe einen direkten \u00f6konomischen Nutzen daraus ziehen k\u00f6nnen. Er solle am Gewinn, der mit seiner Datenfreigabe erwirtschaftet wird, beteiligt werden. Klingt gut, aber ist es das auch?<\/p>\n<p>N\u00e4hern wir uns der Problematik \u00fcber ein paar Gedanken \u00fcber Privatsph\u00e4re, sie gilt als eine Basis moderner Gesellschaften. Aus der M\u00f6glichkeit des r\u00e4umlichen und sozialen R\u00fcckzugs ergaben sich mit Erstarken des B\u00fcrgerstandes (Freiheits-)Rechte des Individuums. Die Welt teilte sich mit der Option auf einen R\u00fcckzugsbereich in au\u00dfen und innen, in einen uneinsehbaren  geschlossenen und einen \u00f6ffentlichen Raum. Im privaten Raum ist man vor der Beurteilung durch andere gesch\u00fctzt. Dieses Recht auf Privatheit ist f\u00fcr die liberale Gesellschaft zentral: Nur wer sich dem Blick durch andere entziehen und seine Vereinzelung positiv realisieren kann, ist in der Lage, das F\u00fcr-sich-sein mit allen Implikationen auch anderen zuzugestehen. Privatsph\u00e4re ist so betrachtet die Grundlage moderner Selbstkonzeption, aber auch Grundpfeiler individualistischer, freiheitlicher Gesinnung. Obwohl der Mensch dieses Recht auf Privatsph\u00e4re nun tagt\u00e4glich lebt und analoge R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten ganz selbstverst\u00e4ndlich nutzt, schafft es dieser fundamentale Privatsph\u00e4rengedanke bei vielen Menschen nicht in ihre digitale Welt. Das Argument, man h\u00e4tte nichts zu verbergen und m\u00fcsse sich infolgedessen nicht gegen das Tracking der Internetdienste abschotten, ist immer noch weit verbreitet. Das Desinteresse am praktizierten Datenschutz war und ist dieser Abstraktheit des Datenschutzproblems geschuldet: die Folgen eines unbedachten Umgangs ergeben sich nicht unmittelbar. Google ist keine Person, die \u00fcber ein Profil urteilt oder eine Suchhistorie beurteilt, somit existiert kein unmittelbarer, nat\u00fcrlicher Reflex, die Gedankenverl\u00e4ufe (Suchverl\u00e4ufe) zu verbergen. Das Private wird achselzuckend einer geheimnisvoll abstrakten \u00d6ffentlichkeit preisgegeben.<\/p>\n<p>Diese gedankenlose Akzeptanz der Gesch\u00e4ftsbedingungen der Tech-Giganten ist nicht zuletzt durch den Facebook-Skandal schwer in Frage gestellt worden. Eine Folge davon ist ein Erstarken der Datenschutzbewegung, die, wie man zuweilen positiv \u00fcberrascht bemerkt, inzwischen fast Mainstreamcharakter entwickelt hat. Der darauf aufsitzende Diskurs treibt nun vielf\u00e4ltige Bl\u00fcten, zeigt sich zum Beispiel auch in der Ansicht, die pers\u00f6nlichen Daten als handelbares Ding mit Warencharakter zu betrachten. Viele sagen: Die pers\u00f6nlichen Informationen, (was man auf einer Suchmaschine gesucht hat, wann man welche Artikel geliked hat), sind viel zu wertvoll, um sie einem datengierigen Internetdienst zu \u00fcberlassen. Die Daten seien pures Gold. Aber der Vergleicht hinkt. Sascha Lobo schrieb in seiner SPON Kolumne \u201eDas M\u00e4rchen von der magischen Datenso\u00dfe\u201c ganz richtig, dass die Daten in ihrer Einzelheit entgegen der \u00d6l-Metapher kaum einen Wert besitzen, sondern erst mit der Verarbeitung und Analyse, der Auswertung statistischer Zusammenh\u00e4nge, relevante Werte darstellten. Es sei \u00fcberhaupt nicht klar, dass Daten, die durch Nutzung einer Plattform entstehen, zwingend nur den Nutzern selbst geh\u00f6ren m\u00fcssten und also &#8222;getauscht&#8220; werden m\u00fcssen, schreibt er. Der Wert einer einzelnen Information wird als relativ gering eingesch\u00e4tzt. Der mangelhafte Instinkt der Datenschutzmuffel gegen\u00fcber dem Warencharakter der eigenen Daten ist so betrachtet nicht mal verkehrt. Ist es also in Ordnung, seine Daten zur Verf\u00fcgung zu stellen? Das ist nicht der Fall. Mag der Wert auch nicht zu beziffern sein, ist die Sammlung pers\u00f6nlicher Daten im Rahmen des Behavioral Targetings dennoch hochproblematisch. Denn bei dem Prozess k\u00f6nnen durch Zusammenf\u00fchrung der Daten passgenaue Nutzerprofile entstehen, welche als Instrumente f\u00fcr die soziale, staatliche Kontrolle taugen. Jede Sammelaktivit\u00e4t pers\u00f6nlicher Daten bringt die Gesellschaft weiter in diese Richtung. Man kann als eilfertiger Lieferant von Daten gar nicht genug Gegenwert erhalten, um diese Gefahr aufzuwiegen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur Datenprofile k\u00f6nnen zur Kontrolle herangezogen werden, auch die Identifikation von Korrelationen aus Datenmengen lassen Verhaltensr\u00fcckschl\u00fcsse zu, mit denen Diskriminierung stattfinden kann. Social Scoring, also die Auswertung der von Internetnutzern hinterlassenen Datenspur, reicht weit ins Private und ist l\u00e4ngst nicht nur ein Problem totalit\u00e4rer Staaten. Inwiefern die SCHUFA beispielsweise durch die Analyse der Netzwerkaktivit\u00e4ten Zusammenh\u00e4nge einflie\u00dfen l\u00e4sst, die \u00fcber die Bonit\u00e4t eines Menschen entscheiden, wei\u00df niemand. Sobald pers\u00f6nliche Daten prinzipiell verf\u00fcgbar sind, gibt es Interessenten, die Wege und Mittel suchen, an diese Daten zu gelangen.  In Zukunft sch\u00fctzen DSGVO und die geplante ePrivacy Richtlinie vor Tracking, indem beispielsweise die Anlage von Nutzungsprofile nur nach ausdr\u00fccklicher Zustimmung erlaubt wird, womit ein grunds\u00e4tzliches Verbot mit Einwilligungsvorbehalt realisiert ist. Doch der aktuelle Diskurs \u00fcber die Einf\u00fchrung einer Datensteuer, die Idee letztlich, den Nutzer von Internetdiensten zu Datenlieferanten zu machen, bremst diese positive Entwicklung und f\u00fchrt sie in die verkehrte Richtung. F\u00fcr die Dienstanbieter ergibt sich damit die lohnende Option, das eigentlich kranke Gesch\u00e4ftsprinzip (Daten gegen Dienstleistungsangebot) doch einfach beizubehalten und das gesamte Datenbusiness eben auf Freiwilligkeit aufzubauen. War der Nutzer zuvor de facto gezwungen, Cookies zu akzeptieren, akzeptiert er sie nun eben freiwillig, schlie\u00dflich erh\u00e4lt er ja im Austausch einen monet\u00e4ren Wert. Aber Datensouver\u00e4nit\u00e4t sieht anders aus. F\u00fcr einen effektiven Privatsph\u00e4renschutz ist nach wie vor unerl\u00e4sslich, dass die Menschen mit ihren pers\u00f6nliche Daten geizen. Durch ein neues Daten-Wertebewusstsein (\u201emeine Daten gebe ich nicht einfach so her, sie haben einen Wert\u201c) wird ein falscher Anreiz gesetzt. Die Privatsph\u00e4re ist und bleibt unbezahlbar!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Privatsph\u00e4re ist unbezahlbar Von Manuela Branz Der Skandal bei Facebook im Zusammenhang mit Cambridge Analytica hat eine Debatte \u00fcber die Datensouver\u00e4nit\u00e4t der Internetnutzer&#8230;<\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[81],"tags":[25],"ppma_author":[236],"class_list":["post-929","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-monopole","tag-privatsphaere"],"authors":[{"term_id":236,"user_id":2,"is_guest":0,"slug":"manuela","display_name":"Manuela Branz","avatar_url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/9f7ade8223731790b0de90fe7bf90cb5c88d89980d8e7fb01717430db92446cc?s=96&d=mm&r=g","0":null,"1":"","2":"","3":"","4":"","5":"","6":"","7":"","8":""}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/929","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=929"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/929\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2951,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/929\/revisions\/2951"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=929"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=929"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=929"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/suma-ev.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/ppma_author?post=929"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}