Eigentlich, so würde man denken, müsste es medial ein großes Thema sein. Viele Jahre lang wurde das Projekt „Open Web Index“ von der EU gefördert, in dieser Zeit wurde es an den Start gebracht. Das Projekt wurde mit 8,5 Millionen Euro aus dem Horizon-Forschungsprogramm der EU unterstützt, um eine unabhängige europäische Suchinfrastruktur zu schaffen. Jetzt aber wurde die weitere Förderung gestoppt. Zwar heißt es, handele sich weniger um ein abruptes Ende der Förderung, sondern eher um den Übergang von der rein förderfinanzierten Entwicklungsphase hin zur Nutzung und zum Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur. Doch die Wahrheit ist, es wäre auch in dieser Phase wichtig gewesen, eine übergangsweise Förderung am Laufen zu halten, um die Pflege des nun aufgebauten Indexes zu gewährleisten. Um also überhaupt von den Früchten profitieren zu können, die es mittlerweile gibt. Manche Projekte brauchen einen langen Atem, aber sie sind es wert. Das ist beim Open Web Index unbedingt der Fall.
Der nun nicht weiter erfolgten EU-Förderung müsste vor allem auch deshalb ein Aufschrei folgen, weil auf halber Strecke aufgegebene Projekte letztlich Gefahr laufen, für immer einzuschlafen, doch es wird nicht thematisiert. Nirgendwo. Ein Grund könnte sein, dass vielen auch innerhalb der Datenschutz-Bubble nicht klar ist, wie wichtig ein von den großen Playern unabhängiger Index ist. Der Index dient als Basis, um Unabhängigkeit von großen Suchmaschinen zu erlangen, indem man nicht gezwungen ist, sich auf deren Index zu verlassen, sondern in der Lage, eigene Index-Strukturen aufzubauen. Diese eigene Datenstruktur kann dann für eigene Suchmaschinen, KI-Modelle oder aber auch Retrieval-Augmented Generation (KI-Framework) genutzt werden.
Machtstellung der globalen Player
Was kann passieren, wenn man sich von den „Großen“ Suchmaschinen bezüglich des Indexes abhängig macht? Zum einen ist da die zentrale Machtballung: Wenige Such-Indexe können steuern, welche Informationen sichtbar oder priorisiert werden. Das kann Einfluss auf die Meinungsbildung und den Marktzutritt haben. Auch die Zensur- und Manipulationsrisiken spielen eine Rolle. Große Plattformen könnten Inhalte priorisieren, filtern oder entfernen, was politische oder rechtliche Interessen beeinflussen könnte. Regulierung oder Druck von Regierungen kann gezielter auf diese großen Player wirken, was zusätzliche Überwachung oder Beschränkungen mit sich bringen könnte. Nicht zuletzt gibt es eine große Abhängigkeit in Krisen. So können technische Probleme, Rechtsstreitigkeiten oder Sanktionen gegen einen großen Anbieter die gesamte Informationszugänglichkeit beeinträchtigen. Daher ist es von großer Bedeutung, dass es mehrere Player gibt. Und wir vor allem nicht nur auf amerikanische angewiesen sind.
Wie gerade wir vom SUMA-EV wissen, wurde und wird in der Politik der EU immer wieder versucht, Druck auf die großen Player auszuüben. Immer wieder wurde von unserer Seite auch angeregt, diesen Druck zu verstärken. Google wird immer wieder zu hohen Zahlungen wegen Wettbewerbsverzerrung verpflichtet, was aber keine Abkehr der Firmenpolitik bewirkt. So hat die EU im September 2025 eine erneute Milliardenstrafe gegen Google in Höhe von 2,95 Milliarden Euro wegen missbräuchlicher Praktiken im Online-Werbegeschäft verhängt sowie eine zusätzliche Strafe wegen früherer Kartellverstöße (u.a. Android, Shopping) . Große nicht-europäische Player bedeuten zudem weniger Druck bezüglich Datenschutz, weil Standards global in einer oder wenigen Richtlinien konsolidiert werden. Das ist nie gut. Wir brauchen eigene europäische Vorstellungen, die sich auch umsetzen lassen.
Das Projekt hat Potential. So können irgendwann regionale oder thematische Suchmaschinen, die auf offenen APIs basieren und nicht von Großplattformen abhängig sind, darauf aufbauen. Oder auch Suchmaschinen mit demokratischer Rankings-Transparenz. Es gibt ein Bündel an innovativen Ideen. Es wäre daher wichtig gewesen, hätte man auf EU-politischer Ebene entschieden, den begonnenen Weg eines unabhängigen europäischen Indexes zu Ende zu gehen. Doch politische Entscheidungen richten sich nicht immer nach der Vernunft. Es scheint, als lägen die Prioritäten in Zeiten, in denen das Thema KI überall präsent ist, auf anderen Gebieten.
Es wird nun nach Lösungen gesucht. Um hier erfolgreich zu sein, muss dringend medial über die Bubble hinaus klar gemacht werden, was eigentlich verloren wird, wenn dieses Projekt mangels Förderung vielleicht sogar einschläft.