Warum wir manchmal ungehorsam sein dürfen müssen – Gedanken zur Privatsphäre

Warum wir manchmal ungehorsam sein dürfen müssen – Gedanken zur Privatsphäre

Gesellschaft braucht Regeln

Jeder geht mal bei Rot über die Ampel. Regelbrüche begleiten unseren Alltag, werden verschämt oder offen, aus Zeitnot oder Bequemlichkeit, aus Uneinsichtigkeit und Gleichgültigkeit begangen. Aber das schlechte Gewissen folgt oft auf dem Fuß, und das zu recht. Unsere Moral basiert auf dem Gedanken der Gerechtigkeit: wer sich nicht an die Regeln hält, erschummelt sich durch seine defizitäre moralische Beschaffenheit Vorteile, etwa wenn man sich in einer Schlange an der Kasse vordrängelt. Der Tugendwächter in uns allen sagt: Wenn es normal würde, die Regeln zu ignorieren, wäre der existenzielle Sinn der Regeln zerstört. Und die Ordnung überhaupt.

„Wenn das jeder täte“. Diese Alltagsinterpretation der Kantschen Maxime aus „Kritik der praktischen Vernunft“ ist ein Grundsatz moralischer Praxis einer Gesellschaft. Das Individuum hat die Pflicht, sich an der Gesellschaftsmoral aktiv zu beteiligen. „Das Unerträgliche am Verbrechen und das Notwendige an der Bestrafung zu erkennen ist Sache des Gesellschaftskörpers im Ganzen“, sagt Focault. Das Fundament des Systems von Regelanpassung und Strafe ist dabei nicht mehr die bloße Herrschaftshörigkeit oder Gottesfurcht, sondern die Idee eines funktionierenden Gesellschaftskörpers. Wenn es der Gesellschaft gut geht, geht es allen gut, so das pragmatische – und dennoch idealistische – Credo des modernen Staates.

Regeln müssen absolut sein… und flexibel

Nur eine von Normen geprägten Gesellschaft bietet ein Fundament an Sicherheit und Ordnung. Daher umgibt uns ein dichtes Regelwerk, egal ob wir uns im Straßenverkehr bewegen, in einem gesellschaftlichen Rahmen unter Menschen sind oder ob wir uns durch das Internet navigieren. Wir wissen in der Regel sehr genau um den Wert sozialer und rechtlicher Normen und Vorschriften. Wo nicht so genau hingesehen wird, zeigt sich jedoch immer auch die moralische Schwäche des Menschen, der oft genug an seinen Ansprüchen scheitert, der seine moralische Überzeugung durch Bequemlichkeit und Faulheit zu gerne mit einer Beschwichtigung beiseite legt: „Es tut ja nicht jeder. Also darf ich. Nur dieses eine Mal.“ Diese Schwäche hat auch einen wertvollen Vorteil: Durch die kleinen alltäglichen Regelverletzungen erfährt die Norm einen Legitimierungsdruck. Ich missachte sie, weil ich sie sehr genau kenne und prinzipiell achte. Aber in dieser einen Situation entscheide ich mich dafür, sie zu ignorieren. Der Regelbruch ist insofern nicht nur normal und menschlich (wenn auch bisweilen unverschämt), sondern bringt uns stetig dazu, uns mit der Regel auseinanderzusetzen. Und das ist wichtig. Denn: Sobald wir Regeln nicht mehr in ihrer Relativität wahrnehmen, verlieren sie an Wert. Ihre Befolgung ist dann zu einem Akt reinen Gehorsams geworden.

Vom Wert des Ungehorsams

Doch dies ist nicht der einzige Grund, warum Regelbrüche für eine Gesellschaft prinzipiell wichtig sind. Auch für das Individuum selbst ist eine nachsichtige Regelbruchpolitik entscheidend. Nur, wenn ich ab und an Regeln in Frage stelle, erfahre ich mich als Individuum, das eine Wahl hat. Und nur, wer sich ab und zu rückversichert, dass er ein wählendes Subjekt ist, kann auf dieser Grundlage aus voller Überzeugung moralisch handeln. Es ist wichtig, dass wir uns eine Innenseite der Psyche bewahren dürfen, nur so bleiben wir seelisch auf Dauer gesund.

Der Gesellschaftskörper braucht diese unbewachten Rückzugsräume ebenfalls. Auf der soziologischen Ebene heißt das: sich im Verborgenen abspielende subkulturelle Entwicklungen mögen potentiell schädliche Elemente enthalten und als subversive Kraft die Ordnung zuweilen in Frage stellen, sind aber aus der Nähe betrachtet durchaus gesellschaftlich relevant. Regelbrecher spielen mit Grenzen und/oder übertreten jene, und manchmal wird dieser Ungehorsam zur Avantgarde. Das gilt für soziale Bewegungen (den Punk, die 68er) genauso wie für ästhetische Ausdrucksformen. Am Rock´n Roll und dem Generationenkonflikt wächst eine Gesellschaft.

Dass der Bruch mit der Konvention Voraussetzung für Innovation ist, hat sich übrigens bis ins Management herumgesprochen. Subversion und die Kunst des Regelbruchs gilt auch dort inzwischen als Voraussetzung für Inspiration. Nicht jeder Regelbruch hat diesen subversiven Charakter, manch einer ist lediglich Ausdruck von sozialer Unreife. Dennoch: werden wir rund um die Uhr bewacht, so dass für die Verletzung sozialer Regeln, Übereinkünfte und kleinerer Ordnungswidrigkeiten kein Raum mehr existiert (den man meist eh nicht nutzt), verkrüppelt nicht nur die Individualität des Einzelnen, sondern stirbt auch ein großer Teil der Entwicklungsfähigkeit der Gesellschaft.

Der supermoralische Wächter

Nicht jeder nimmt die kleinen alltäglichen Gesetzesüberschreitungen mit Gelassenheit. Es gibt einen Menschentypus, der jede Regung von Unrecht so sehr hasst, dass er auf Regelbrüche lauert und die geringste Übertretung an die Ordnungsbehörde meldet. Dieser Mensch ist mit der Faust in der Tasche unterwegs. Selbst völlig perfekt (aus seiner Sicht), fordert er dieselbe moralische Perfektion von anderen. Der Typ Blockwart fühlt sich als verzweifelter Vertreter einer vergessenen Moral, selbst wenn er unsinnige, veraltete oder in dem Moment unpassende oder unmenschliche und schädliche Regeln verficht. Er fordert absolute Prinzipientreue, egal wie absurd diese in einer bestimmten Situation auch sein mag. Bei Verstößen agiert er mit gnadenloser Härte.

Was der strenge, an der Verlotterung der Gesellschaft leidende Moralist nicht weiß: Ohne Regelbrüche hätte sich die bürgerliche Gesellschaft, aus der heraus er  agiert, mit all ihren Errungenschaften nicht entwickeln können. Die Prinzipienreiterei eines moralischen Wächters gab es schon immer, dieses strenge Reglement des Geistes lässt in vielen, wenn nicht in den allen Menschen aktivieren. In der Literatur wird dieser Menschentyp gerne besprochen. Sehr lebendig wird die Figur des Kleingeistes, der gegen jede Vernunft und in völlig übertriebener Weise Ordnung einfordert, in Kleists Michael Kohlhaas dargestellt: „„Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“, ruft Kohlhaas, und dieses Gefühl der Wut und Ohnmacht, wenn sich ein Regelbrecher auf unverschämte Weise Vorteile verschafft, kennt sicher jeder. Auch den Wunsch, den rücksichtslosen Fahrradfahrer auf dem Fußweg zu betrafen. Neu ist, dass mit der Vielfalt der Überwachungsmöglichkeiten der Staat tatsächlich zum strafenden Blockwart werden kann.

Privatsphäre in Gefahr

Die Blockwartisierung der Gesellschaft schreitet mit dem Grad, mit dem Überwachungstechnologie in jede private Nische gelangen kann, voran. Wo (wie in China) jeder Regelbruch, sei er noch so trivial und bedeutungslos, sei er noch so menschlich und verbreitet, in die Öffentlichkeit gegeben wird und gegebenenfalls in Diffamierung endet, wird zwar ein enormer Anpassungsdruck aufgebaut. Dadurch wird womöglich die Rate an Verstößen gegen Verordnungen rapide gesenkt, doch der Preis ist hoch, denn die Ungeduld mit den wenigen Unangepassten wird in einem System pünktlich gezahlter Rechnungen und perfekt praktizierter Mülltrennung immer größer. Durch die Offenlegung eigener Schwächen entsteht bei den vielen Menschen nicht etwa Toleranz für Regelbrüche und die Schwächen anderer, für abnormales Verhalten und Diversität insgesamt (das wäre ja schön), sondern meist nur Angst vor Entdeckung der eigenen Andersartigkeit und Unvollkommenheit.

Das psychologische Moment ist altbekannt: Wer sich ein unangepasstes, nicht regelkonformes, unbeliebtes Verhalten nicht verkneifen kann, der wird es so gut wie möglich hinter einer Fassade von Wohlandständigkeit und Spießigkeit verstecken und immer aufwändigere Versteckspiele betreiben. Fliegt der Regelbrecher auf, wird er womöglich mit Vehemenz all jene Regelbrecher verurteilen, die mit ihrem Regelbruch durchgekommen sind oder sich der Norm selbstbewusst verweigern. Der zähneknirschend Normierte, der sich von vorneherein das unangepasste Verhalten verbietet, ist erst recht wütend auf alle, die sich ein abweichendes Verhalten erlauben. Die Intoleranz des überangepassten Neurotikers ist viel wahrscheinlicher die Folge aus dieser Form der erzwungenen Transparenz als Toleranz. Kurz gesagt liegt folgende Vermutung nahe: je strenger die Regeln und je transparenter der Bürger, desto mehr Menschen laufen mit der Faust in der Tasche durchs Leben. Was die Gesellschaft im übrigen keineswegs sicherer werden lässt.

Die Blockwartisierung unserer Gesellschaft

Der Einsatz von Überwachungstechnologie wird ausgeweitet und betrifft uns alle. Noch ist es so, dass sich der zunehmende Privatsphärenverlust leicht verdrängen lässt. Die Überwachung des öffentlichen Raums ist zumeist diskret und zumindest theoretisch vermeidbar, gleiches gilt für die Überwachung des Verhaltens im Internet. Wenn ich nach „Finanzamt austricksen“ suche (nur so als Beispiel), hat dies (noch) keine direkten Konsequenzen. Doch wenn solche Aktionen von Ungehorsam durch den Einsatz von Überwachungstechnologie irgendwann völlig ausgeschlossen sein sollten, wenn zudem Videokameras jeden Schritt bewachen, wenn Ampeln durch integrierte Gesichtserkennung zu Gehilfen der Blockwartmoral werden, dann betrifft uns das alle und verändert unsere Persönlichkeit und Gesellschaft radikal und unausweichlich.

Der Preis einer übers Ziel hinausschießenden Nutzung von Überwachungsinstrumenten (wie der Einsatz von Gesichtserkennungssoftware und KI-basierter Polizeiarbeit im Rahmen von Predicitve Policing – vorhersagende Polizeiarbeit) ist hoch: Der Normbegriff wird immer enger gefasst, je angepasster und duckmäuserischer sich die Masse verhält. Und die Instrumente des Überwachungsstaates passen sich dem Normierungsdruck immer weiter an. Schließlich diffundiert die eng gefasste Norm in alle Bereiche: in die Vorstellung von Schule und Erziehung, in die Entwicklung von Kunst und Wissenschaft, in unsere zwischenmenschliche Beziehungen.

Made in China – aber eben nicht nur

Man kann der chinesischen Überwachungsdiktatur direkt dankbar sein: Durch die Hervorbringung eines durch und durch unsympathischen Systems wird vielen Menschen vor Augen geführt, welch dystopisches Potential in Überwachungslösungen steckt. Als Dystopie empfinden den Überwachungsstaat jedoch durchaus nicht alle Menschen. Viele Menschen wünschen sich auch hierzulande ein Überwachungs- und Sanktionssystem chinesischen Zuschnitts. Vor allem die Profiteure des Anpassungssystems setzen sich für die Abstrafung aller Unangepassten ein. Warum nicht weniger für eine Krankenversicherung bezahlen, wenn man doch gesund lebt, im Gegensatz zu anderen, die rauchen, keinen Sport treiben und zu viel Zucker konsumieren? Dass dieses Belohnungssystem schnell auch zum Ausschließungssystem und sogar Diskrimierungsinstrument werden kann, verdrängen sie, bis es sie vielleicht selbst betrifft, etwa weil sie im „falschen“ Stadtteil leben oder andere Merkmale besitzen, die sie von der Belohnung ausschließen (oder von dem Dienst überhaupt).

Gegen die Überwachungsträume polizeilicher Behörden gibt es hierzulande glücklicherweise erbitterten Widerstand. Der Widerstand ist wichtig. Dennoch greift diese Sicht auf den bösen Staat zu kurz: Das Bedürfnis nach einem paternalistisch agierenden strafenden und belohnenden Staat ist in vielen Menschen tief verankert. Es ist der Mensch selbst, der einen Verlust der Privatsphäre in Kauf nimmt, um die Anpassung seiner Mitmenschen durchzusetzen, deren Ausscheren aus dem Gefüge er nicht erträgt. „Social Scoring“ ist insofern immer auch der technologische Ausdruck einer normierungswilligen, nach Halt suchenden Gesellschaft.

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